Full text : Die Hohenzollern und das Reich. Band 3. (3)

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ein  Pfeiler  stützte  den  anderen;  man  konnte  nicht  einen  Stein  herausnehmen,  ohne
den  ganzen  Bau  in  Gefahr  zu  bringen.  Aber  es  geschah  auch  in  dieser  Periode
vieles  Gute;  manches  Saatkorn  wurde  gestreut,  das  in  späterer  Zeit  herrlich
aufgehen  sollte.  Vor  allem  wurden  diejenigen  altpreußischen  Elemente
geschont  und  genährt,  von  denen  nach  dem  Sturze  die  Wiedergeburt  des  Staates
ausgehen  sollte.

Die  Verderbtheit  im  preußischen  Beamtenstande  war  doch  noch  nicht  so
tief  eingerissen,  wie  man  nach  den  überaus  scharsen  Erlassen  des  Königs  hätte
glauben  dürfen.  Vielmehr  zeigten  sich  auch  jetzt  noch  die  Pflichttreuc  und  der
Diensteiser,  welche  den  preußischen  Beamtenstand  von  alters  her  auszeichneten.
G.  Freytag  sagt  in  seinen  Kulturbildern  aus  neuer  Zeit:

—  „Die  Obergerichte  erhielten  sich  in  dem  hohen  Ausehen,  das  sie  seit  der
Organisation  der  letzten  Könige  gewonnen  hatten.  Ihr  Personal  war  zahlreich,
sie  umschlossen  die  Blüte  der  preußischen  Jutelligenz,  die  stärkste  Kraft  des
Bürgertums,  die  höchste  Bildung  des  Adels.  Die  älteren  waren  unter  Coccefji,
die  jüngeren  unter  Carmer  geschult;  gescheite,  redliche,  seste  Männer  von  großartiger
  Arbcitskraft,  von  stolzem  Patriotismus  und  von  einer  Unabhängigkeit
des  Charakters,  welche  sich  in  Handhabung  der  Justiz  noch  durch  kein  Ministerialrestript
  irre  machen  ließ.  Noch  wagten  die  Hofkoterieen  nicht,  die  Unbequemen
anzugreifen,  und  cs  ist  ein  Verdienst  des  Königs,  daß  er  seine  Hand  schützend
über  ihre  Integrität  hielt  .  .  Ihnen  verbunden  als  Studiengenossen,  Freunde,
Gleichgesinnte  waren  die  besten  Talente  der  Verwaltung,  auch  Fremde,  welche
in  prenßischem  Dienst  heraufkamen.  Aus  diesem  Kreise  sind  fast  alle  Beamten
hervorgegangen,  welche  nach  der  Niederlage  Preußens  bei  der  Wiederbelebung
des  Staates  thätig  waren:  die  Stein,  Schön,  Vincke,  Grolmann,  Sack,
Merkel  und  viele  andere,  die  Präsidenten  der  Regierungen  und  obersten  Gerichtshöfe
  nach  1815.  —  Es  ist  eine  Frende,  in  dieser  Zeit  umherflackernder
Unsicherheit  das  Auge  auf  die  stille  Arbeit  solcher  Zuverlässigen  zu  richten.
Manche  von  ihnen  waren  streng  geschulte  Aktenmänner,  ohne  vielseitige  Interessen;
auf  dem  grünen  Tisch  ihres  Kollegiums  lag  Ehrgeiz  und  Arbeit  ihres  ganzen
Lebens.  Aber  sie,  die  obersten  Richter,  die  Verwalter  der  Provinzen  haben  treu
und  dauerhaft  ihr  Bewußtsein,  Preußen  zu  sein,  durch  schwere  Zeit  getragen;
jeder  von  ihnen  hat  seiner  Umgebung  von  der  zähen  Ausdauer,  dem  sicheren
Urteil  mitgeteilt,  das  sie  auszeichncte.  Auch  wo  sie,  von  dem  Körper  ihres  Staates
abgelöst,  unter  fremder  Herrschaft  Recht  sprechen  mußten,  arbeiteten  sie  in  ihrem
Kreise  in  der  alten  Weise  fort,  und,  gewöhnt  an  kalte  Selbstbeherrschung,
bargen  sie  in  der  Tiefe  ihrer  Seele  die  feurige  Sehnsucht  nach  dem  angestammten
  Herrn  und  vielleicht  stille  Plänc  für  bessere  Zeit“  u.  s.  w.

So  begegnen  wir  auch  in  dem  Heere  bereits  den  ehrenwerten,  pflichtgetreuen
  Männern,  welche  in  einer  glorreichen  Zeit  seine  Führer  auf  nenen