Metadata : Heinrich der Löwe Herzog von Bayern und Sachsen.

Ende
Dez.

1139

42  Erstes  Buch.  Einleitung.

andrängenden  Slawen  begriffen,  waren  stets  ein  rauhes,  wildes,  unruhiges
Volk  geblieben.  Die  Schauenburger,  die  ihnen  Lothar  zu  Grafen  gesetzt,  beherrschten
  sie  nun  mit  kräftiger  Hand  und  ziemlicher  Strenge;  das  nahmen
die  Holsteiner  sehr  übel  auf.  Da  Graf  Adolf  II.  mit  großer  Treue  an  dem
beschworenen  Bunde  mit  der  Kaiserin  Richenza  und  ihrem  Schwiegersohne
hing,  ergriffen  die  Holsteiner  die  Partei  Albrechts  und  verjagten  ihren  Grafen.
Dafür  erhob  Albrecht  einen  seiner  Anhänger,  Heinrich  von  Badwide,  zum
Grafen  von  Holstein.  Dieser  setzte  sich  bald  vollkommen  in  den  Besitz  des
Landes,  ja  vertrieb  auch  die  von  Lothar  während  seines  Slawenzuges  im
Jahre  1134  auf  dem  Sigeberg  zurückgelassene  Besatzung  und  eignete  sich  auf
solche  Weise  die  wichtige  Feste  an.  Sos  sicher  fühlte  er  sich  schon  im  der  neuen
Würde,  daß  er  über  die  Grenzen  Holsteins  hinaus  zum  Offensivkriege  gegen
die  Wenden  vorging").

Derart  waren  Ostfalen  und  Nordalbingien  von  Albrecht  erobert,  und  nun
konnte  die  Gewinnung  Engerns  und  Westfalens  nicht  mehr  schwierig  erscheinen.
  Denn  diese  Teile  Sachsens  waren  erstens  in  den  letzten  Zeiten
überhaupt  mehr  gegen  die  östlichen  Gegenden  zurückgetreten,  und  es  ließ  sich
also  von  ihnen  kein  lebhafter  Widerstand  mehr  erwarten,  und  dann  waren  sie
überall  von  den  königlich  gesinnten  Territorien  umgeben.  Konrad  glaubte
demnach  in  Sachsen  alles  zu  seinem  und  seines  Schützlings  Gunsten  entschieden,
  jeden  Widerstand  verstummt  und  brach  deshalb  dahin  auf,  um  es
in  Besitz  zu  nehmen,  auf  sächsischem  Boden  das  Herzogtum  zum  zweiten
Male  an  den  brandenburger  Markgrafen  zu  verleihen.  Das  Weihnachtsfest
feierte  er  in  Goslar““),  wo  er  eine  große  Anzahl  Fürsten  um  sich  versammelte,
so  daß  dieser  Hoftag  ein  äußerst  glänzendes  Aussehen  hatte'“*).  Hier  sprach
Konrad  abermals  dem  Welfen  das  Herzogtum  ab  und  bewidmete  damit  Albrecht
  den  Bären#,  seinen  getreuen  Schildträger.  Der  Triumph  der  staufischaskanischen
  Sache  schien  vollständig.

Aber  gerade  jetzt  trat  ein  unerwarteter  Wendepunkt  ein.  Knirschend  vor
Scham  und  Grimm  sahen  die  Sachsen,  wie  dieser  Schwabe  ganz  nach  Laune,
ohne  gehöriges  Recht  und  Urteil  sie  dem  einen  Herzog  wegnehme  und  an  den
anderen  verschenke,  sie,  die  noch  vor  kaum  zwei  Dezennien  die  Herrschaft  eines
mächtigen  Kaisers  bis  aufs  tiefste  erschüttert  hatten.  Dieselben  Männer,  die
vor  drei  Jahren  vor  dem  Sachsen  Lothar  auf  den  Knien  gelegen  hatten,
maßten  sich  jetzt  an,  über  dessen  Land  und  Familie  nach  Willkür  zu  schalten.
und  zu  walten.  Das  durfte  man  nicht  leiden.  Und  in  diesem  Augenblicke  der
höchsten  Unzufriedenheit  im  ganzen  Sachsenlande  trat  als  dessen  Führer
gegen  die  Fremden  der  wahre  Herzog  des  Volkes,  der  echte  Erbe  des  viel- 



*)  Helm.  I,  54,  55.

*%  Otto  Fris.,  Chr.  VII,  23.  —  An.  S.  Disib.,  p.  26.  —  An.  Magdeb.,  p.  186.  —
Theod.  Mon.  Palid,  1.  c.  —  Stumpf,  Reichskanzler  II,  Nr.  3384:  5.  Jan.  1139
%  è)  Theod.  Mon.  Palid.  l.  c.

)  Otto  Fris.  I.  C.  —  Annal.  Saxo  l.  C.  —  Theod.  Mon.  Palid.  l.  c.