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Formularbuch.
die Sendling im Hause mit niemandem verkehre
und überhaupt sehr menschenschen, ja gegen An-
näherung abweisend sei, habe die Liddy Henoch
wiederholt an der Tür der Sendling gepocht und heute
morgen auch geklingelt, ohne daß diese geöffnet worden
oder sonst aus der Wohnung ein Geräusch vernehm-
bar gewesen wäre. Steindler müsse deshalb vermuten,
daß der alten Dame entweder in der Wohnung selbst
oder außerhalb, da man gar nicht wisse, ob sie sich
in derselben befinde, ein Unglück zugestoßen sei.
Direktorieller Anweisung gemäß begab ich
mich mit dem Kriminalgendarm Kugler und dem
Hauswirt Steindler unter Hinzuziehung des Westen-
riederstraße 23 wohnhaften Schlossermeisters An-
dreas Büttler an die im 3. Stockwerke rechts
gelegene Vorsaaltüre der Sendling und versuchte
zunächst durch wiederholtes starkes und anhaltendes
Klingeln Einlaß zu erlangen. Da aber in der
Wohnung nichts vernehmbar war, ließ ich die Vor-
saaltür durch Büttler öffnen. Derselbe stellte hierbei
ausdrücklich fest, daß das Schloß zweimal herum-
geschlossen war.
Als wir durch die geöffnete Türe eintraten,
kam uns sofort ein Verwesungsgeruch entgegen. Der
Hauswirt Steindler zeigte uns, welche Zimmer von
der Sendling als Wohn= und Schlafräume ver-
wendet wurden; die Türen aller dieser drei Zimmer
waren nach dem Vorsaal zu ebenfalls verschlossen.
Steindler teilte uns mit, daß die drei Zimmer im
Innern alle verbunden seien. Welches Zimmer die
Sendling als Wohn= oder Schlafzimmer benütze,
konnte er nicht angeben.
Ich ließ deshalb nach Gutdünken eine dieser
drei nach dem Vorsaale führenden Türen öffnen.
Büttler stellte wieder fest, daß das Schloß doppelt
verschlossen war. Das Zimmer, welches geöffnet
wurde, war das bessere Zimmer der Sendling,
wie sofort an dem Möblement zu erkennen war.
Spuren von Unordnung konnte man nicht entdecken.
Ein Glasschrank, an welchem der Schlüssel steckte,
enthielt eine Anzahl Nipp= und auch Wertsachen,
z. B. ein silbernes Schreibzeug, welches anscheinend