Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Beuisches  Reich  (Februar  27.—März  2.)  193

Amerika  jedes  Hindernis  für  die  Verwirklichung  der  in  der  Note  vom
23.  Juli  1915  angebotenen  Zusammenarbeit  zu  der  noch  während  des
Krieges  zu  bewirkenden  Wiederherstellung  der  Freiheit  der  Meere  aus  dem
Wege  räumt,  und  sie  zweifelt  nicht  daran,  daß  die  Regierung  der  Vereinigten
  Staaten  nunmehr  bei  der  großbritannischen  Regierung  die  alsbaldige
  Beobachtung  derjenigen  völkerrechtlichen  Normen  mit  allem  Nachdruck
  verlangen  und  durchsetzen  wird,  die  vor  dem  Kriege  allgemein  anerkannt
  waren  und  die  insbesondere  in  den  Noten  der  amerikanischen  Regierung
  an  die  britische  Regierung  vom  28.  Dez.  1914  und  vom  5.  Nov.
1915  dargelegt  sind.  Sollten  die  Schritte  der  Vereinigten  Staaten  nicht
zu  dem  gewünschten  Erfolge  führen,  den  Gesetzen  der  Menschlichkeit  bei
allen  kriegführenden  Nationen  Geltung  zu  verschaffen,  so  würde  die  deutsche
Regierung  sich  einer  neuen  Sachlage  gegenübersehen,  für  die  sie  sich  volle
Freiheit  der  Entschließung  vorbehalten  muß.“  (Hört!  hörtl)

M.  H.,  die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  hat  uns  den  Empfang
dieser  Mitteilung  vom  4.  Mai  mit  ihrer  Note  vom  10.  Mai  bestätigt.  Wenn
sie  darin  der  Meinung  Ausdruck  gab,  wir  beabsichtigten  nicht,  die  Aufrechterhaltung
  der  neuangekündigten  Politik  in  der  Führung  des  U-Bootkrieges
von  dem  Ergebnis  diplomatischer  Verhandlungen  der  amerikanischen  Regierung
  mit  irgend  einer  anderen  Regierung  abhängig  zu  machen,  so  widersprach
  das  so  kraß  dem,  was  wir  in  unserer  Note  klar  und  ohne  jede
Möglichkeit  des  Mißverständnisses  gesagt  hatten,  daß  eine  Erwiderung  von
unserer  Seite  an  den  beiderseitigen  Standpunkten  nichts  geändert  hätte.
(Sehr  richtig!l)  Daß  aber  die  Voraussetzung,  an  die  wir  die  Wiedererlangung
der  Freiheit  unserer  Entschließungen  geknüpft  hatten,  längst  eingetreten  war,
m.  H.,  daran  konnte  und  kann  doch  wohl  auch  in  Amerika  niemand  zweifeln.
(Sehr  richtig!l)  England  hat  die  Absperrung  Deutschlands  nicht  aufgegeben,
im  Gegenteil  andauernd  aufs  rücksichtsloseste  verschärft.  (Sehr  richtig!)  Unsere
Gegner  sind  nicht  zur  Beachtung  der  vor  dem  Kriege  e  anerkannten
völkerrechtlichen  Regeln  und  nicht  zum  Befolgen  der  Gebote  der  Menschlichkeit
  bewogen  worden.  Die  Freiheit  der  Meere,  die  Amerika  noch  während
des  Krieges  nach  der  ausdrücklichen  Erklärung  des  Präsidenten  in  Zusammenarbeit
  mit  uns  wiederherstellen  wollte,  haben  unsere  Gegner  nur  noch  gründlicher
  unterbunden,  und  Amerika  hat  es  nicht  verhindert.  All  das  ist  doch
öffentlich  bekannt?  Noch  Ende  Januar  hat  England  eine  neue  Sperrerklärung
  für  die  Nordsee  erlassen.  Und  über  zem  allen  sind  seit  dem  4.  Mai
neun  Monate  vergangen.  Konnte  es  da  für.  irgend  jemanden  eine  Ueberraschung
  bilden,  daß  wir  am  31.  Jan.  d.  Is  die  Freiheit  der  Meere  nicht
als  wiederhergestellt  ansahen  und  daraus  irere  Folgerungen  zogen?  (Sehr
richtig!)  Aber  die  Sache  greift  doch  weit  über  das  formale  Gebiet  hinaus.
Wir,  die  wir  zu  einem  Hernandigungef  seden  bereit  waren,  kämpfen  um
unser  Leben  gegen  einen  Feind,  der  von  Anbeginn  das  anerkannte  Völkerrecht
  mit  Füßen  getreten  hat  Die  englische  Hungerblockade,  unser  Friedensangebot,
  seine  Zurückweisung  durch  die  Entente,  die  auf  unsere  Vernichtung
hinauslaufenden  Kriegsziele  der  Gegner,  die  Reden  des  Herrn  Lloyd  George
sind  d  h  auch  in  Amerika  bekannt.  Ich  hätte  volles  Verständnis  dafür,
wenn  die  Vereinigten  Staaten  als  Hüter  des  Völkerrechts  seine  Wiederherstellung
  bei  allen  Kriegführenden  in  gleicher  Weise  betrieben,  wenn  sie
in  dem  Wunsche,  der  Welt  den  Frieden  wiederzugeben,  Maßregeln  ergriffen
  hätten,  um  das  Ende  des  Blutvergießens  zu  erzwingen.  Aber  unmöglich
  kann  ich  eine  Ehren=  und  Lebensfrage  des  amerikanischen  Volkes
darin  sehen,  einseitig  und  nur  gegen  uns  das  Völkerrecht  zu  schirmen.

M.  H.,  unsere  Feinde  und  die  uns  übelwollenden  amerikanischen  Kreise
haben  geglaubt,  auf  einen  wichtigen  Unterschied  aufmerksam  machen  zu

Europäischer  Geschichtskalender.  LVIII.  13