Full text : Europäischer Geschichtskalender. Fünfzehnter Jahrgang. 1874. (15)

                Das  deutsche  Reich.  Anhang.  253

offen  unsere  Unterstüßung  nachsuchen,  und  die  Versöhnung  mit  Deutschland  in  ihr
Programm  aufzuehmen,  während  alle  anderen  Fractionen  und  Schattirungen  jeden
Verkehr  mit  uns  auf  das  sorgfältigste  vermeiden,  und  den  Rachekrieg  gegen  Deutschland
  auf  ihre  Fahnen  schreiben.  Ich  erkenne  in  der  Candidatur  des  Duc  d'Aumale
eine  ebenso  große  Gefahr,  wie  in  derjenigen  Gambetta's,  und  die  sogenannte  anständige
  Republik,  welche  durch  Casimir  Périer  oder  Grévy  repräsentirt  werden
würde,  kann  nur  ein  Uebergang  zu  Gambetta  sein.  Ist  doch  selbst  das  System
Thiers  im  jetzigen  Augenblick  nur  möglich  durch  seine  immer  intimer  werdenden
Beziehungen  zu  Gambetta.  Darum  scheint  mir  als  die  wünschenswertheste  Entwicklung
  der  politischen  Lage  eine  solche,  welche  uns  einerseits  Zeit  läßt  mit  der
jetzigen  Regierung  ein  Abkommen  über  die  baldige  Zahlung  und  Sicherung  der
drei  Milliarden  zu  treffen,  andererseits  aber  den  unvermeidlichen  Regierungswechsel
so  beschleunigt,  daß  die  Anwesenheit  unserer  Truppen  im  Land  uns  noch  Gelegenheit
  gibt,  auf  die  Krisis  einen  bestimmenden  Einfluß  zu  üben.  Gez.  v.  Arnim.“

[Antwort  des  Reichskanzlers:  —nie  nächste  Aufgabe  sei,  die  Regierung
  des  Hrn.  Thiers  zu  unterstützen.)  Berlin,  12.  Mai  1872.  An  den  kaiserl.
deutschen  Botschafter  Hrn.  Grafen  v.  Arnim,  Excellenz.  Paris,  Nr.  99,  Nr.  885,
  den 13.  durch  Feldjäger.  Vertraulich.  Ew.  kc.  gef.  Bericht  Nr.  70  vom
6. d.  W  die  Lage  und  Aussichten  der  Parteien  in  Frankreich  ist  mir  von
großem  Interesse  gewesen.  Die  darin  niedergelegten  Wahrnehmungen  bestätigen
nur,  was  mir  auch  von  anderer  Seite  her  aus  Privatnachrichten  zukommt:  daß  die
orleanistischen  Prinzen,  namentlich  durch  ihr  Verhalten  in  Geldangelegenheiten,
ihren  Boden  in  Frankreich  mehr  und  mehr  verlieren,  und  ich  stimme  auch  mit
Ew.  Exellenz.  darin  überein,  daß  Deutschland  keine  Veranlassung  hat,  ihr  Gelangen  mit
Regierung  zu  wünschen,  daß  vielmehr,  unter  den  verschiedenen  Parteien,  welche  um
die  Herrschaft  streiten,  das  bonapartistische  Kaiserthum  wahrscheinlich  diejenige  ist,
von  welcher  sich  noch  am  ersten  ein  leidliches  Verhältniß  zwischen  Deutschland  und
Frankräich  hoffen  läßt.  Unsere  erste  Aufgabe  bleibt  natürlich  immer,
die  jetzige  Regierung  zu  stützen,  solange  dieselbe  für  uns  die  Repräsentation
des  Wiue  ist,  den  Frieden  loyal  auszuführen.  Was  nach  ihr  kommt,  wird  sich
in  dieser  selben  Richtung  von  Neuem  uns  gegenüber  legitimiren  müssen;  wir  haben
keinen  Anlaß  dabei,  der  bonapartischen  Partei  die  Exelusive  zu  geben,  und  haben
daher  auch  keinen  Grund  irgend  etwas  zu  thun,  was  sie  schwächen,  was  ihr  in  den
Augen  der  Nation  schaden  oder  ihre  Stellung  erschweren  könnte.  Eine  aus  unfrer
Zurückhaltung  berausgeheude  Parteinahme  und  Begünstigung  für  dieselbe  würde
aber  sicher  diese  Folge  haben.  Von  diesem  Gesichtspunkte  aus  bitte  ich  auch  zu  beachten,
  was  ich  in  meinem  besonderen  auf  den  Mars  schall  Bagaine  bezüglichen  Erlaß
vom  heutigen  Tage  gesagt  habe.  Gez.  v.  Bismarck.

                                                                 7.

(Bismarck  wider  Arnims  Abneigung  gegen  Hrn.  Thiers  und  seine  private
Begünstigung  der  monarchischen  Elemente  in  Frankreich.]  Berlin,  18.  Juni  1872
Grafen  Arnim,  Paris.  Euer  pp.  hatte  ich  mir  unter  dem  2.  d.  M.  erlaubt,  zwei
( französische)  Journalartikel  zu  übersenden,  welche  erzählen,  daß  Euer  pp.  sich  in

Gesellschaft  dahin  ausgesprochen  hätten:  der  deutschen  Regierung  sei  an  der  Erhaltung
  des  Hrn.  Thiers  nichts  gelegen.  Eurer  pp.  Erklärung  in  dem  gefälligen  Berichte
  vom  10.,  daß  diese  Artikel  natürlich  ganz  aus  der  Luft  gegriffen  seien,  ist
mir  erfreulich,  wenn  auch  einigermaßen  unerwartet  gewesen,  insofern  ich  danach  annehmen
  darf,  daß  pp.  dann  überhaupt  im  Gespräche  keine  Aeußerungen  gethan
haben,  karh-  zu  den  betreffenden  Aeußerungen  hätten  Anlaß  geben  können.  Die
Euer  pp.  zugeschriebene  Beurtheilung  der  Situation  und  unseres  Interesses  an
derselben  4  v  sehr  im  Einklange  mit  Ihrer  Berichterstattung  seit  dem  vor.  Herbste,
daß  ich,  winn!  Euer  pp.  derselben  niemals  geschäftsweise  Ausdruck  gegeben  haben,
nur  annehmen  kann,  daß  es  Euer  pp.  möglich  geworden  sei,  überhaupt  jeder  Be-