Full text : Historische Untersuchungen. Heft V. (5)

Klerikale  Debatte:  Treitschke,  Ketteler,  Greil,  Löwe.  131

Ihnen  erwiderte  v.  Treitschke,  v.  Blanckenburg,  Kiefer,  Barth,
Löwe,  Miquel,  Stauffenberg  und  Andere.  Der  erste  fragte  die
Klerikalen,  warum  sie  denn  nicht  das  Gesetz  über  die  Freiheit  der
Wissenschaft  und  deren  Verkündigung  und  das  Gesetz  über  die
Civilehe  gleichfalls  der  preußischen  Verfassung  entlehnt  und  beantragt
  hätten  und  nur  diese  wenigen  Artikel  als  Grundrechte  der
deutschen  Nation  anbieten,  was  doch  nichts  anderes  heiße,  als  ihr
einen  Stein  statt  des  Brotes  geben.  Er  warnte  vor  den  Gefahren
dieser  Selbständigkeit  der  Kirche,  welche  besonders  in  den  süddeutschen
  Staaten  entstehen  würden,  wo  die  Bischöfe,  auf  diese  Grundrechte
  gestützt,  den  Landesgesetzen  Hohn  bieten  würden.  „Ich  bitte
Sie  um  des  konfessionellen  Friedens  willen,  geben  Sie  nicht  einem
beliebigen  deutschen  Landesbischof  die  Möglichkeit,  gegen  seine  Landesregierung
  den  Rebellen  zu  spielen!“  Darauf  entgegnete  Ketteler:
„Das  beste  Mittel,  zu  verhüten,  daß  die  Bischöfe  Rebellen  gegen
die  Landesgesetze  werden,  ist:  Geben  Sie  niemals  die  Zustimmung
zu  Gesetzen,  welche  Rebellen  gegen  Gottes  Gesetzgebung  sind!  Wir
werden  uns  dann  bemühen,  zu  wetteifern  in  treuer  Befolgung  der
Landesgesetze.“  Indem  er  hier  die  beliebte  Verwechslung  der  vatikanischen
  und  göttlichen  Gesetze  anwandte  und  so  einen  intellektuell
oder  moralisch  sehr  niederen  Standpunkt  einnahm,  stellte  er  sich,  wie
er  selbst  sagte,  auf  den  Standpunkt  der  höheren  Gerechtigkeit,  von
welchem  aus  er  alle  Konfessionen,  die  protestantische  und  die  anderen,
  mit  gleicher  Liebe  umfasse.  Mit  Annahme  ihres  Antrages
erhalte  Deutschland  eine  Magna-Charta  des  Religionsfriedens,  die
wahre  Parität  sei  hergestellt,  alle  konfes  sionellen  Konflikte  seien  beseitigt,
  der  Standpunkt  Teitschke's  sei  ein  veralteter,  führe  zu  einem
Rückschritt  in  der  Freiheit.  Greil  wies  den  Grundsatz  von  der
„freien  Kirche  im  freien  Staat“  zurück  und  verrieth  das  innerste
Geheimniß  seiner  Partei,  indem  er,  mit  Hinweisung  auf  den  Satz
„Man  muß  Gott  mehr  gehorchen  als  den  Menschen,“  offen  erklärte,
daß  es  über  der  Staatsgewalt,  also  auch  über  den  Landesgesetzen,
eine  „höhere  Autorität“  gebe  und  geben  müsse.  Diese  höhere  Autorität
  über  der  Staatsgewalt,  der  Papst  über  dem  Kaiser,  dies  wäre
also  die  klerikale  Form  für  die  vielgerühmte  Einigkeit  zwischen  Kaiser
und  Papst!  Löwe  fragte,  wer  denn,  wenn  die  Klerikalen  so  viel
von  Gottes  Gesetzen  sprechen,  den  Menschen  sage,  was  Gottes  Gesetze
  seien.  „Sie  berufen  sich  heute  auf  Gottes  Gesetze,  in  einem
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