kronlüsterne Kandidat hatte sich schon beim Mächteareopag gemeldet,
ohne angenommen zu werden, mancher von den Mächten in Aussicht
genommene wurde von den Albanesen abgelehnt. Ich stand der
Frage an und für sich kühl gegenüber und war der Meinung, man
müsse — wie bei jeder „Staatenbildung“ — möglichst der historischen
Entwicklung, besonders auch den eigentümlichen geographischen Verhältnissen
und den Sitten des Volkes Rechnung tragen.
Ein einheitliches Reich mit einem Herrscher und einer Dynastie hat
es in diesem merkwürdigen Volke nie gegeben. In Tälern, die von
hohen Gebirgszügen eingefaßt und abgeschlossen sind, wohnend leben
die Albanesenstämme ziemlich gesondert von einander. Ihr politischer
Habitus ist dem Clanswesen der Schotten nicht unähnlich. Christen
und Mohammedaner sind gleichmäßig vertreten. Die Blutrache ist
eine uralt überlieferte geheiligte Institution; nicht minder das Rauben
und Stehlen von Vieh. Die Landwirtschaft ist noch wenig entwickelt,
der Ackerbau in den Anfängen, die dazu benutzten Geräte
sind vorsündflutlich. Das Recht wird vom Stammesoberhaupt im
Freien unter dem Dorfbaum gesprochen, wie einst bei den alten
Deutschen. Waffen trägt jeder Mann, die meisten sind vorzügliche
Schützen. Erscheint das Stammesoberhaupt auf einem Umritt in
seinem Gau in einer Ortschaft, so erwartet die Bevölkerung von ihm
Segen in klingender Münze, die zuweilen vom hohen Rosse herab
ausgeteilt wird. Das ist natürlich bei einem Regierungsantritt erst
recht der Fall, und es wird gar übel vermerkt, wenn es nicht geschieht.
Bis zum Balkankrieg traten viele Albanesen in türkische Dienste,
wo sie es zu hohen Würden bringen konnten, da sie ihres Fleißes
und scharfen Verstandes wie ihrer zähen Energie wegen sehr geschätzt
waren. Sie stellten der Verwaltung des türkischen Staates eine
große Anzahl von Beamten, auch einen gewissen Prozentsatz in Diplomatie
und Armee. Mit Stolz dienten die vornehmen jungen Alba-135