Full text : Ereignisse und Gestalten 1878-1918

kronlüsterne  Kandidat  hatte  sich  schon  beim  Mächteareopag  gemeldet,
ohne  angenommen  zu  werden,  mancher  von  den  Mächten  in  Aussicht
genommene  wurde  von  den  Albanesen  abgelehnt.  Ich  stand  der
Frage  an  und  für  sich  kühl  gegenüber  und  war  der  Meinung,  man
müsse  —  wie  bei  jeder  „Staatenbildung“  —  möglichst  der  historischen
Entwicklung,  besonders  auch  den  eigentümlichen  geographischen  Verhältnissen
  und  den  Sitten  des  Volkes  Rechnung  tragen.

Ein  einheitliches  Reich  mit  einem  Herrscher  und  einer  Dynastie  hat
es  in  diesem  merkwürdigen  Volke  nie  gegeben.  In  Tälern,  die  von
hohen  Gebirgszügen  eingefaßt  und  abgeschlossen  sind,  wohnend  leben
die  Albanesenstämme  ziemlich  gesondert  von  einander.  Ihr  politischer
Habitus  ist  dem  Clanswesen  der  Schotten  nicht  unähnlich.  Christen
und  Mohammedaner  sind  gleichmäßig  vertreten.  Die  Blutrache  ist
eine  uralt  überlieferte  geheiligte  Institution;  nicht  minder  das  Rauben
und  Stehlen  von  Vieh.  Die  Landwirtschaft  ist  noch  wenig  entwickelt,
  der  Ackerbau  in  den  Anfängen,  die  dazu  benutzten  Geräte
sind  vorsündflutlich.  Das  Recht  wird  vom  Stammesoberhaupt  im
Freien  unter  dem  Dorfbaum  gesprochen,  wie  einst  bei  den  alten
Deutschen.  Waffen  trägt  jeder  Mann,  die  meisten  sind  vorzügliche
Schützen.  Erscheint  das  Stammesoberhaupt  auf  einem  Umritt  in
seinem  Gau  in  einer  Ortschaft,  so  erwartet  die  Bevölkerung  von  ihm
Segen  in  klingender  Münze,  die  zuweilen  vom  hohen  Rosse  herab
ausgeteilt  wird.  Das  ist  natürlich  bei  einem  Regierungsantritt  erst
recht  der  Fall,  und  es  wird  gar  übel  vermerkt,  wenn  es  nicht  geschieht.


Bis  zum  Balkankrieg  traten  viele  Albanesen  in  türkische  Dienste,
wo  sie  es  zu  hohen  Würden  bringen  konnten,  da  sie  ihres  Fleißes
und  scharfen  Verstandes  wie  ihrer  zähen  Energie  wegen  sehr  geschätzt
waren.  Sie  stellten  der  Verwaltung  des  türkischen  Staates  eine
große  Anzahl  von  Beamten,  auch  einen  gewissen  Prozentsatz  in  Diplomatie
  und  Armee.  Mit  Stolz  dienten  die  vornehmen  jungen  Alba-135