35. Augsburger Studien. 197
vordern ihre Tore sinnvoll und symbolisch und eine Stadt ohne Mauer und
Tor war ihnen nicht bloß ein Mann ohne Harnisch sondern auch ein Mann
ohne Rock. So prangt das Vogeltor mit schöner gotischer Steinmetzenarbeit!),
am Jakobertor ist das Kaiserbild, ein alter Stadtpyr und ein Römerstein zur
Schau eingemauert, der zerstörte Festungsturm auf dem Luginsland galt für
einen der reichsten gotischen Türme der Stadt und unter jedem Torbogen
sehen wir eine gemalte Tafel mit der Kreuztragung Christi aufgehangen: das
macht sich alles würdevoll und reichsstädtisch. Nehmt Augsburg seine malerischen
Tore?) und Mauern und ihr habt den schönsten und eigentümlichsten
Zug ausgelöscht, der noch von der äußeren Physiognomie der ehrwürdigen
Reichsstadt übrig geblieben ist. Das fühlten die Nürnberger wohl, als sie
zur Erleichterung des modernen Verkehrs Fahrbahnen zur Rechten und Linken
ihrer stolzen Tortürme brachen, die Türme aber selber ungebrochen ließen.
Triviale englische Anlagen kann jede neugebackene Stadt fürs Geld haben, aber
so poetische und malerische Wälle und Mauern und Tore und Stadtumgänge,
wie die Augsburgs und Nürnbergs, sind gleich dem echten alten Adel: wer
sie nicht ererbt hat, der wird sie nimmer gewinnen.
Wenn wir uns das Stadtbild Augsburgs recht genau vor Augen rücken,
schauen wir zugleich meilentief in die deutsche Kulturgeschichte hinein. Und zwar
ist es zunächst die Kulturgeschichte der Renaissance, die vor uns im reichsten
Bilde ausgebreitet liegt. Nicht bloß architektonisch ist Lugsburg das deutsche
Pompesji der Renaissance. Der Schwerpunkt seiner ganzen Geschichte
ruht in der Übergangsperiode vom Mittelalter zur neueren Zeit. Nicht das
Mittelalter, sondern der Bruch mit dem Mittelalter gewann unserer Reichsstadt
die tiefste Originalität. Weil Augsburg alle die bewegenden Ideen der Renaissance
— die großen Erfindungen und Entdeckungen, den Humanismus, die Bezwingung
und Verjüngung ausgelebter germanischer Einseitigkeit durch den Romanismus
und die Antike, die Reformation — wie in einem Brennpunkt sammelte, festhielt
und im kleinen charaktervoll verkörperte, erhielt es erst die Signatur einer
eigenartigen, einer wirklich weltgeschichtlichen Stadt. Dies aber unterscheidet
die natürlichen und gewordenen Städte von den gemachten, daß sie solch einen
auszeichnenden Beruf irgend einmal erfaßt und mit der Einseitigkeit und Allseitigkeit
eines Genies durchgeführt haben und daß man sagen muß, in einer
Epoche wenigstens ist die Stadt um einen Kopf größer gewesen als alle ihre
Schwestern, es unterscheidet sie der Adel eines historischen Namens.
Drei große Meister sind es, die uns die ganze Macht, womit die Renaissance
das höhere Geistesleben Augsburgs ergriff, in persönlicher Verkörperung dar-1)
Das längst verschwundene Klinkertor trug kräftigen Freskoschmuck.
2) Freilich auch manche der schönen und malerischen Tore Augsburgs sind inzwischen
niedergelegt worden, z. B. das Klinkertor, das Gögginger-, Steffinger= und Fischertor;
doch immer noch bestehen beachtenswerte Reste aus früherer Zeit.