Full text : Sagenbuch des Königreichs Sachsen

—  748  —

wieder:  er  sank  an  der  Stelle,  wo  ehemals  der  Altar  gestanden
hatte,  durch  Wein  und  Gehen  ermüdet,  mitten  unter  den  Toten  in
tiefen  Schlummer.  Aachdem  er  (wie  lange  er  geschlafen,  wußte  er
bei  seinem  Erwachen  nicht)  aufgewacht  war,  war  es  zwar  dunkel,
allein  mit  hellem  Glanze  umleuchtete  ihn  ein  Licht,  und  in  den  be—
moosten  Trümmern  erblickten  seine  vom  Schlafe  gestärkten  Augen
ein  durch  mannigfaltige  bunte  Lampen  geschmachvoll  erleuchtetes
Altargemälde,  gefertigt  von  Meisterhand,  welches  die  Himmelfahrt
Christi  vorstellte.  Am  Fuße  desselben  quollen  Gold=  und  Silbermünzen
  aus  der  Erde.  Verdutzt  sah  er  sich  schüchtern  um;  niemanden
  vermochte  er  zu  erschauen,  stille  und  öde  war  alles,  wie
in  des  Todes  Hallen.  Lange  ging  er  hin  und  her,  bald  das  Gemälde,
  bald  das  aus  der  Erde  Schoß  hervorquellende  Gold  betrachtend.
  Zufällig  stieß  er  beim  Herumwandeln  an  einen  Krug.
Dies  hielt  er  für  einen  ihm  von  einem  guten  Genius  gegebenen
Wink,  faßte  sich  ein  Herz  und  füllte  das  Gefäß  mit  den  Münzsorten,
  und  gebrauchte,  wo  es  nicht  langte,  noch  seine  Halskrause
und  ein  Taschentuch,  sowie  seine  Taschen  dazu.  Da  verkündete  die
Gloche  vom  NRathausturme  1  Uhr,  die  Hähne  kräheten  in  den  benachbarten
  Gehöften,  und  der  Glückliche  eilte  mit  seiner  Beute
nüchternern  Sinnes,  als  er  den  Ort  betreten  hatte,  froh  und  zufrieden
  nach  Hause.  Die  Goldstücke  waren  größtenteils  aus  dem
Zeitalter  der  Könige  Maximilian  und  Matthias  und  einiger  ihrer
Nachfolger;  ob  er  aber  einen  guten  Gebrauch  von  seinem  Funde
machte,  davon  schweigt  die  Geschichte.

4
919.  Der  Schatz  in  der  Mönchskirche  zu  Budissin.
Gräße,  Rd.  II,  Ar.  740;  Gräve  a.  a.  O.,  S.  112.

In  der  am  1.  August  1401  durch  Flammen  zerstörten  Mönchs-(Franziskaner-)
  Kirche  soll  man  zu  gewissen  Zeiten  einen  Schatz,
welcher  nicht  unbedeutend  ist,  erblichen.  Abends  in  der  Mittternachtsstunde
  des  St.  Micchaelistages  soll,  jedoch  nicht  alle  Jahre,
auf  den  Fensterbrüstungen  dieser  Kirche,  welche  auf  die  große
Brüdergasse  die  Aussicht  haben,  jener  Schatz  sichtbar  werden.  Es
besteht  selbiger  in  zwei  goldenen  Kelchen,  einer  goldenen  Patene,