Metadata : Archiv für öffentliches Recht.Zehnter Band. (10)

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Schriften  des  Freien  Deutschen  Hochstiftes.  Arbeitslosigkeit  und
Arbeitsvermittlung  in  Industrie-  und  Handelsstädten.  Bericht  über
den  8.  und  9.  Oktober  1893  vom  Fr.  D.  H.  zu  Frankfurt  a.  M.  veranstalteten
  socialen  Congress.  Berlin  1894.  Otto  Liebmann.

Dieser  Congress  hat  viele  Aufmerksamkeit  und  Theilnahme  gefunden,
was  er  ohne  Zweifel  hauptsächlich  seinem  Gegenstande,  aber  auch  den  Bemühungen
  der  volkswirthschaftlichen  Sektion  des  Hochstiftes  zu  danken  hat,
denen  es  gelang,  Männer  der  Theorie  und  der  Praxis  aus  allen  Kreisen,  besonders
  auch  Vertreter  der  Arbeiterklasse  zusammenzubringen.  Die  Verhandlungen
  leiden  etwas  darunter,  dass  sie  von  den  Gegenständen  der  Referate
losgerissen  waren;  diese  bezogen  sich,  nach  Veranlassung  der  Urheber  des
Congresses,  auf  den  modernen  Arbeitsvertrag,  auf  Arbeitlosigkeit  und  Nothstandsarbeiten,
  auf  die  Methode  statistischer  Erhebungen  über  Arbeitlosigkeit.
Die  Debatte  dagegen  wurde  von  vornherein  auf  das  Thema  der  Arbeitsvermittlung
  zugespitzt,  und  nun  doch  wieder  nicht  bestimmt  genug  auf
einer  lex  ferenda,  einem  ausgearbeiteten  Vorschlage,  aufgebaut,  wozu  sich
vortrefflich  der  interessante  Antrag  geeignet  hätte,  den  das  Stuttgarter  Gewerbegericht
  auf  Errichtung  eines  städtischen  Arbeitsamtes  kurz  zuvor  (im
Juli  1893),  durch  seinen  Vorsitzenden,  Herrn  LAUTENSCHLAGER,  gestellt  hatte
(im  Anhange  mitgetheilt).  Dieser  Antrag  hätte  gedruckt  in  den  Händen  jedes
Theilnehmers  sich  befinden  sollen;  die  kurze  Mittheilung,  mit  der  Herr
.LAUTENSCHLAGER  die  Discussion  eröffnete,  bot  keinen  Ersatz  dafür.  Nun
mussten  von  Uebelorientirten  oder  Uebelwollenden  sonderbarer  Weise  die
Referenten  sich  den  Vorwurf  gefallen  lassen,  dass  sie  nicht  über  Arbeitsvermittelung
  geredet  hatten;  und  doch  wagte  Niemand  zu  bestreiten,  dass
die  beste,  auch  die  centralisirte  Arbeitsvermittlung,  wofür  ein  bekannter
Febrikant  einen  utopischen  Plan  entwarf,  die  wesentlichen  Ursachen  der
Arbeitslosigkeit  nicht  beheben  könne.  Ein  Handelskammersekretär  war  dann
wieder  so  sehr  Naturarzt,  dass  er  meinte,  die  Ursachen  der  Arbeitslosigkeit
gingen  den  Congress  gar  nichts  an.  Der  ernsthaft  zu  nehmende  Dissens
drehte  sich  aber  um  die  Frage,  ob  Organisation  des  Nachweises  durch  Behörden
  oder  durch  Arbeiter  und  Unternehmer  getrennt,  vorzuziehen  sei.
Hingegen  herrschte  Uebereinstimmung  im  Unwillen  über  die  gewerbmässige
private  Nachweisung.  Mehrere  Arbeitervertreter  klagten  über  das  mangelhafte
  Verständniss  für  die  Statistik  der  Arbeitlosigkeit  in  ihren  Kreisen.
Dass  solche  in  erster  Linie  nothwendig  sei,  war  wieder  ein  Punkt,  der  nicht
angefochten  wurde.  F.  Tönnies.