Full text : Bernhard Fürst von Bülow - Denkwürdigkeiten. Zweiter Band. Von der Marokko-Krise bis zum Abschied. (2)

394  ISWOLSKI  GEBROCHEN

erschienen.  Der  Zweck  seiner  Reisen  sollte  die  Förderung,  vielleicht  und
hoffentlich  die  Erfüllung  der  russischen  Dardanellenwünsche  sein.  Damit
hatte  er  nun  weder  an  der  Themse  noch  an  der  Seine  Glück  gehabt.  In
London  wurde  ihm  gesagt,  daß  das  liberale  englische  Kabinett  mit  Rücksicht
  auf  den  linken  Flügel  der  liberalen  Partei  sich  nicht  durch  Unterstützung
  der  russischen  Dardanellenaspirationen  den  Jungtürken  unangenehm
  machen  könne,  die  als  Freiheitshelden  dem  englischen  Radikalismus
  ebenso  sympathisch  waren,  wie  dieser  vordem  den  Sultan  als  „‚bloodstained
  tyrant‘‘  verabscheut  hatte.  Auch  in  Paris  hatte  Iswolski  nichts
erreicht.  In  beiden  westlichen  Hauptstädten  ging  er  mit  seinen  Klagen  über
Aehrenthal  wie  mit  seinem  inopportunen  Drängen  wegen  der  Dardanellen
aller  Welt  auf  die  Nerven.  „Iswolski  is  a  great  boar“‘,  hieß  es  in  London,
„Iswolski  nous  embete“  in  Paris.  Iswolski  brachte  es  aber  nicht  über  das
Herz,  auf  die  ihm  in  englischen  Schlössern  winkenden  „‚selected  parties“  zu
verzichten.  Er  brachte  es  noch  weniger  über  sein  zärtliches  Gattenherz,
seiner  Frau  die  Bitte  abzuschlagen,  in  Paris  für  sie  Weihnachtstoiletten  zu
kaufen.  Mimi  Iswolski  war  eine  reizende  Frau,  eine  liebevolle  Gattin  und
gute  Mutter,  dabei  hübsch  und  elegant.  Die  galanten  Franzosen  nannten
sie  später,  als  Iswolski  russischer  Botschafter  in  Paris  geworden  war:  Le
sourire  de  Paris.  Aber  im  Herbst  1908  war  sie  kein  Glück  für  ihren  Mann,
den  sie  zu  weiterem  Hinausschieben  seiner  Rückkehr  nach  St.  Petersburg
veranlaßte.  Am  24.  Oktober  1908  traf  Iswolski  in  Berlin  bei  mir  ein.  Er
erschien  vor  mir  als  gebrochener  Mann.

In  den  Ozean  schifft  mit  tausend  Masten  der  Jüngling,
Still,  auf  gerettetem  Boot,  treibt  in  den  Hafen  der  Greis.

Je  betrübter  Iswolski  war,  um  so  mehr  ließ  ich  es  mir  angelegen  sein,
ihm  mit  ruhiger  Freundlichkeit  zu  begegnen,  und  das  nicht  nur  aus  angeborener
  Gutmütigkeit  und  in  Erfüllung  einer  Christenpflicht,  sondern
weil  ich  es  für  politisch  nützlich  hielt.  Iswolski  erinnerte  mich  daran,  daß,
als  er  in  einer  allerdings  lange  nicht  so  fatalen  Lage,  vor  seiner  Versetzung
nach  Tokio,  meinen  Rat  erbeten  hätte,  ich  ihn  nicht  nur  in  freundschaftlicher,
  sondern  auch  in  überlegter  und  kluger  Weise  remontiert  hätte.  Es
ginge  ihm  wirklich  schlecht.  „‚Alors  je  me  trouvai  devant  une  täche  diffhicile.
  Aujourd’hui  je  suis  dans  un  aflreux  petrin.““  Ich  erwiderte  ihm,  daß
ich  nicht  nur  von  dem  Wunsch  erfüllt  wäre,  mich  ihm  als  meinem  langjährigen
  Freund  nützlich  zu  machen,  sondern  vor  allem  die  traditionellen,
für  beide  Länder  gleich  lebenswichtigen  guten  Beziehungen  zwischen  dem
deutschen  und  dem  russischen  Reich  vor  Schädigung  zu  bewahren.  Ich
könne  aber  natürlich  nicht  Österreich  im  Stiche  lassen.  Lächelnd  fügte  ich
hinzu:  „Sie  wollen  sich  ja  auch  nicht  von  Frankreich  trennen.“  Es  war