Full text : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6. (6)

202  Bismarcks  offene  Aussprache  mit  Goltz  über  Luxemburg.

von  dem  Gange  der  weiteren  Entwicklung  zeichnen,  falls  Seine  Majestät  der  König  sich
entschließen  sollte,  der  Sache  näher  zu  treten.  Ew.  pp.  wissen,  daß  und  aus  welchen  Motiven
Seine  Majestät  hiergegen  noch  Bedenken  tragen;  und  ich  werde  unten  darauf  noch  zurückzukommen
  Gelegenheit  haben.  Unter  der  Voraussetzung  aber,  daß  allerhöchstderselbe  aus
anderen  politischen  Gründen  diese  Bedenken  fallen  lassen  sollte,  würde  das  von  Ew.  pp.  gezeichnete
  Bild  immer  noch  einer  wesentlichen  Vervollständigung  bedürfen,  nämlich  der  einer
von  anderer  Seite  als  von  uns  kommenden  Initiative.

Ich  habe  es  Ihnen  wie  dem  französischen  Botschafter  gegenüber  wiederholt,  namentlich
noch  am  Tage  nach  meiner  Rückkehr  aus  Putbus  hervorgeboben,  daß  wir  nicht  die  ostensible
Initiative  ergreifen  können,  um  eine  Abtretung  deutschen  Landes  an  Frankreich  berbeizuführen,
  namentlich  nicht,  wenn  die  Wünsche  der  Bewohner  darüber  völlig  unbekannt
 sind.²  Wir  können  die  Wünsche  des  Kaisers  begünstigen;  aber  wir  können  ihm  die  Erfüllung
derselben  nicht  in  einer  Weise  entgegentragen,  welche  uns  allein  das  Odium  tragen  lassen
würde,  als  ob  wir  Deutsche  wider  ihren  Willen  und  aus  unklaren  Beweggründen  Frankreich
  auslieferten.³

Ew.  pp.  bezeichnen  als  den  ersten  Schritt  die  Verzichtleistung  Preußens  auf  das  Garnisonrecht
  in  Luxemburg.  Wie  soll  Preußen  dazu  kommen,  diesen  ersten  Schritt  ohne  irgendeine
  äußere  Veranlassung  zu   tun?⁴  Und  würde  nicht  das  Motiv  dazu  sofort  und  nicht  bloß
bei  unsern  Gegnern  in  einer  würdelosen  Besorgniß  vor  Frankreich  gesucht  werden?  Das
dadurch  im  Lande  erzeugte  Gefühl  der  Demüthigung  würde  der  Dauer  des  guten  Einvernehmens
  nicht  förderlich  sein.  Es  würde  bei  uns,  analog  wie  die  Abtretung  Nizza's  in  Italien,
  feindliche  Gefühle  gegen  Frankreich  wecken,  die  hier  schwerer  wiegen  als  jenseits  der
Alpen.  Dabei  war  Nizza  durch  Frankreichs  Waffen  in  der  Lombardei  erkämpft,  während  unser
Volk  mehr  und  mehr  fühlt,  daß  es  Frankreich  war,  welches  ihm  mitten  im  Siege  Halt  gebot.

Wenn  irgend  welche  Manifestationen  von  luxemburgischer  oder  holländischer  Seite
ausgingen  —  wenn  von  Luxemburg  zunächst  das  Verlangen  ausgesprochen  wird,  eine  unbefestigte
  Stadt  zu  werden,  so  würden  wir  in  den  Fall  kommen,  zu  erwägen,  ob  einem  solchen
bestimmten  Wunsch  gegenüber  die  strategische  Wichtigkeit  des  Platzes  für  uns  groß  genug
sei,  um  unter  allen  Umständen  und  im  Gegensatz  gegen  die  Wünsche  der  Bevölkerung  oder
der  Regierung  unser  Recht  aufrechtzuerhalten.  Vielleicht  würde  die  Antwort  der  militärischen
  Autoritäten  auf  diese  Frage  verneinend  ausfallen;  und  wir  würden  alsdann  leichter
imstande  sein,  unsern  Verzicht  auszusprechen,  obwohl  wir  immer  auf  vielfachen  Widerspruch
und  Verdächtigungen  gefaßt  sein  müßten.

Wenn  man  in  Frankreich  die  Verhältnisse  richtig  erkennt,  so  wird  man  es  uns  nicht
gering  anrechnen  dürfen,  daß  wir  die  Lage  der  Dinge  so  erhalten  haben,  daß  eine  solche
Wendung  möglich  bleibt.  Wie  natürlich  es  gewesen  wäre,  das  Verhältnis  zu  Luxemburg
sofort  zu  ändern,  springt  in  die  Augen;  und  wir  werden  vielfach  dazu  gedrängt.  Wir  haben
daher  unseren  Beziehungen  zu  Frankreich  und  den  Wünschen  des  Kaisers  dadurch  Rechnung
getragen,  daß  wir  die  Angelegenheit  in  der  Schwebe  gehalten,  daß  wir  jede  für  die  niederländische
  Regierung  annehmbare  Aufforderung  zum  Eintritt  Luxemburgs  in  den  Norddeutschen
  Bund  unterlassen.  Wir  sind  dadurch  schon  in  Gefahr  gekommen,  uns  vor  der
öffentlichen  Meinung  im  eigenen  Lande  zu  kompromittieren;  aber  wir  sind  über  die  naheliegenden
  Bedenken  hinweggegangen,  um  die  weitere  Entwicklung  nicht  zu  hindern  und  uns

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3  Der letzte Nebensatz  "als ob wir.."        eigenhändiger  Zusatz    Bismarcks
4  Der  Rest  des  Absatzes  eigenhändiger  Zusatz  Bismarcks.