Full text : Die Gebrechen und Sünden der Sittenpolizei aller Zeiten, vorzüglich der Gegenwart.

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hatte,  frei  wurde.  Aber  die  Sklavenhalterin,  wütend  über
den  Verlust  eines  so  vorteilhaften  „Werkzeuges“  ihres  Ge—
werbes,  verweigerte  die  Herausgabe  der  Effekten  des  Mädchens,
ehe  dieses  einige  Kleidungsgegenstände  zurückgegeben  hätte,
die  sie  ihm  angeblich  geliehen,  die  das  Mädchen  aber  für  ihre
„Arbeit“  (I)  erhalten  hatte.  Die  Sache  kam  an  den  Polizeidirektor,
  und  dieser  machte  sich  zum  Büttel  der  Bordellwirtin!
  Er  sandte  einen  Polizisten  zu  Marie  mit  einem
Teile  ihrer  Effekten  und  der  Aufforderung,  die  von  der  Wirtin
verlangten  Stücke  (einen  Hut,  ein  Hemd  und  ein  Paar  alte
Schuhe)  herauszugeben!  Die  Beschützer  Mariens  verweigerten
  die  Abgabe  dieser  Gegenstände  und  verlangten  dagegen
den  Rest  der  Effekten  des  Mädchens.  Es  wurde  eine  Berechnung
  aufgestellt,  nach  welcher  Marie  in  9½  Monat,
abzüglich  zweimal  3  Wochen  Spital,  Fr.  1991  „verdient"
hatte,  während  sich  ihre  sog.  „Schuld“  bei  der  Sklavenhalterin,
  so  schamlos  diese  berechnet  war,  nur  auf  Fr.  1894
belief,  wovon  158  auf  das  Spital  und  96  auf  die  ärztlichen
Untersuchungen  kamen,  und  doch  hatte  die  Megäre  noch  die
Stirne,  Gegenstände  zurückzufordern,  die,  obschon  alt,  auf
Fr.  54  geschätzt  und  dem  Mädchen  zu  diesem  Preis  berechnet
waren.  Und  die  Polizeidirektion  unterstützte  dieses  Weib
hartnäckig  in  seiner  Forderung  und  in  Zurückhaltung  des
Restes  der  Effekten.  Der  Ausgang  dieser  Heldenthaten  der
Genfer  Polizeidirektion  ist  uns  nicht  bekannt.

Im  Jahre  1876  ließ  der  Untersuchungsrichter  von
Lausanne  zwei  junge  Damen  aus  Barcelona,  die  er  ohne
Grund  für  vagierende  Dirnen  hielt,  aufgreifen  und  ungeachtet
ihres  Jammers  und  der  Versicherungen  ihrer  Unschuld  über
die  offene  Straße  führen  und  in  getrennte  Gefängniszellen
sperren,  die  eine  zu  Diebinnen,  die  andere  zu  Prostituierten.
Hier  blieben  sie  vier  Tage  ohne  Verhör;  dann  ließ  man  sie,
ohne  auf  die  Beteuerungen  ihrer  Unschuld  zu  hören,  ärztlich
untersuchen,  wobei  ihre  gänzliche  Gesundheit  erwiesen  wurde.