456 Neuntes Kapitel.
Nun wurde am 5. Juli die Kandidatur des Erbprinzen Leopold in
Madrid öffentlich verkündigt; am folgenden Tage brachten Pariser Seitungen
die NMachricht und am 6. erhob sich der Berzog von Gramont,
um auf Cochervs Znterpellation zu antworten. Nachlässig, die Hand in
der Hosentasche, gab er die Erklärung ab, er hoffe nicht, daß durch die
Hohenzollersche Kandidatur die Interessen und die Ehre Frankreichs gefährdet
würden. „Sollte es aber anders kommen"“, schloß er, „so würden
wir unsere Oflicht ohne Saudern und ohne Schwäche zu erfüllen haben.“
Das war eine Drohung, nach Berlin gerichtet. Mit lautem Beifall
nahm die ganze Kammer sie auf. Und sie gewann noch an Gewicht,
als nun Gllivier, der Alinisterpräsident, die Erklärung hinzufügte, daß
dies nicht nur Gramonts Meinung wäre, sondern daß diese Antwort
tags zuvor im Ministerrate beschlossen sei. Ja, er verschärfte sie noch,
während Gramont das Wort Krieg vermieden hatte, durch die Erläute--rung,
daß diese Antwort klar zeige, ob die Regierung den Frieden wolle,
oder den Krieg herbeiführe. Denn so brachte es die Rolle, die das
Ministerium zu spielen gedachte, mit sich.
Die Aufregung, in welche diese kriegslustigen Reden die leicht entzündliche
Bevölkerung von Haris versetzten, spiegelten am andern Tage
die Seitungen wider. Selbst der amtliche „Moniteur“ schrieb, es sei
Seit, der preußischen Anmaßung ein Siel zu setzen. Alber der Kaiser
Mapoleon griff ein: er befahl Gramont die Erklärung abzugeben, daß
ein freiwilliger Rücktritt des Drinzen Leopold von der Kandidatur die
glücklichste Lösung der schwierigen Frage sein würde. Allein der Herzeg
besaß gar nicht die geistige Kraft, sich innerbalb der Linie des Ministeriums
zu halten; das Tosen der äöffentlichen Aleinung riß ihn fort,
und unablässig schürten dazu die Arkadier seinen Kriegseifer. Diese Eelegenheit
glaubte er auf jede Gefahr festhalten zu sollen, um die ersehnte
Demütigung endlich über Hreußen zu bringen. Er gab daher dem Grafen
Benedetti die Weisung, sich nach Ems zu begeben und den König aufzufordern,
wenn nicht durch einen Befehl, so doch durch einen Ratschlag
den Hrinzen zum Rücktritt zu bewegen. Am 9. Juli erteilte König
Wilhelm dem Botschafter die erbetene Audienz. Mit würdevoller Gelassenheit
legte er dem Grafen seinen Standpunkt in der Frage dar,
indem er zugleich mit ernstem Tadel der provokatorischen Sprache ge—
dachte, die Gramont in der Kammer geführt. Er lehnte es ab, als
Familienhaupt den Drinzen zum Rücktritt zu bestimmen, sagte jedoch zu,
an den Dater des Hrinzen zu schreiben, um dessen Ansichten über die
Sache zu hören. Unablässig drängte indes Gramont den viel besonne-