Haese, Das gewerbliche Schulwesen. 457
ienigen Teil der Jugend eines Volkes, der noch nicht seine Arbeit auf
einen bestimmten Beruf gerichtet hat. Der bekannte Satz: „nicht für
die Schule, sondern für das Leben lernen wir,“ hat hier nur die Bedeutung,
daß die Bildungsarbeit allen Berufen dienstbar gemacht
werden muß. Wir können deshalb hier mit Recht von einer allgemeinen
Bildung sprechen. Hierher gehören unsere Volks-, Bürger-,
Mittel-, Realschulen und Gymnasien. — Die B Berufsschulen um.
fassen. diejenigen Schüler, die bereits einen Beruf erwählt haben,
in dem sie tätig sind oder zu dem sie sich besonders vorbereiten. Bei
praktischen Berufen werden, bei wenigen, unberechtigten Ausnahmen,
bereits Berufskenntnisse für die Schulbildung vorausgesetzt: Fortbildungs-,
Fach-, gewerbliche, Mittel- und Hochschulen. Die gelehrten
Berufe stellen gewöhnlich diese Bedingung nicht, sondern sie vereinigen
die Berufsbildung zugleich mit der Berufsausbildung. —
Für die Ausbildung, die als abgesonderte Arbeit hauptsachlich
bei den praktischen und handwerklichen Berufen in Frage kommt, gibt
es zwei wichtige Veranstaltungen: Meisterwerkstatt und Schulwerkstatt
als Ersatz. und Ergänzungswerkstatt. Entweder kommt nur eine
von beiden in Betracht, oder beide arbeiten, sich gegenseitig ergänzend,
nebeneinander.
Das Verhältnis von Bildung und Ausbildung kommt bei
den gelehrten Berufen in den Universitäten in der vollkommensten
Form zum Ausdrucke. Die Universitäten vereinigen zu diesem
Zwecke nach Möglichkeit in sich diejenigen Veranstaltungen, die der
praktischen Anwendung dienen: Laboratorien aller Art, Kliniken,
Seminare. — Wenn aber die Berufe sich mehr nach der technisch
praktischen Seite wenden, so erscheinen jene Einrichtungen nicht mehr
ausreichend. Deshalb nehmen die technischen Hochschulen zur
Ausbildung das praktische Leben zu Hilfe, indem sie für das Berufsexamen
den Nachweis praktischer Berufstätigkeit verlangen. Darin
liegt eine große und bedeutungsvolle Wahrheit: im technisch-prak.-tischen
Berufe muß die Ausbildung mit dem praktischen Leben in Verbindung
bleiben, wenn sie erfahrungswahr und von Wert sein soll.
Aber noch eine andere Seite ist bei den technischen Hochschulen höchst
bemerkenswert. Sie kommen bald zu der Üüberzeugung, daß die
rennung von Berufsbildung auf der Hochschule von der Ausbildung
im praktischen Leben einen Dualismus in die Bildungsarbeit hineinbringe.
So notwendig die Ausbildung im praktischen Leben auf der
einen Seite war, so gab sie auf der andern Seite keine genügende
Gewähr für Allseitigkeit und Tiefe und gab endlich nicht die Möglichkeit,
Bildung und Ausbildung zwecks geistiger Assimilation in Vere
bindung zu setzen. Um das zu erreichen, stellt man zwischen die Berufsbildungsstätte
und die Ausbildung im praktischen Leben ein
Bindeglied in Form von Laboratorien, Versuchsanstalten, Modellier-Ateliers
und Werkstätten. Durch diesen wichtigen Schritt wurde die
Ausbildung vertieft, Bildung und Ausbildung zu einheitlicher, durchgeistigter
Gesamtwirkung gebracht, wie bei den Universitäten, befruchtet
durch Erfahrungen des praktischen Lebens. Einen ähnlichen
Weg haben auch die technischen Mittelschulen (Maschinenbau-,