Full text : Unser Pommernland. 3. Jahrgang 1915/16. (3)

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und  die  Polen,  nach  Morgen  hin  die  Ostpommern
mit  ihrem  dem  Herrscherhause  verwandten  Fürsten.
So  blieb  ihm  nur  noch  die  Flucht  auf  die  See  und
zu  den  Rügianern.  Dort  mußten  weitere  Plane
geschmiedet  werden.

Also  zunachst  zur  Burg  zurück  und  dann  mit
seinem  Sohne  und  den  beiden  Fischern  zum  Strande
hinab!  Schnell  war  der  Plan  gefaßt  und  weiler
ging  es  in  rasender  Eile,  daß  der  Staub  des  Weges
  Rosse  und  Reiter  in  eine  undurchsichtige  Wolke
hallte.  So  dauerte  der  wilde  Ritt  wohl  eine  Stunde,
  bis  der  Fluchtling  einsah,  daß  man  die  Gäule
schoner  müsse,  wenn  sie  nicht  vor  der  Zeit  zusammenorechen
  sollten.  Zudem  war  man  soeben  auf
einem  Hagel  angelangt,  der  einen  meilemweiten
Fernblick  gewährle.  Da  hielt  Herr  Sambor  und
blickte  ruckwärts  ins  Gelände.  Noch  war  kein  Verfolger
  zu  erblicken.  Darum  ging  es  jetzt  in  langsamerer
  Gangart  vorwärts,  um  die  Krafte  der  Rosse
jur  den  Notfall  aufzusparen.  Wieder  mochte  so  eine
halbe  Stunde  vergangen  sein,  da  kam  man  an  das
große  Moor,  über  das  von  Ortschaft  zu  Ortlschaft
schmale  Knutteldämme  fahrten.  Nun  verlangsamte
Herr  Sambor  wiederum  den  Gang  seines  Nosses,
denn  auf  diesen  Wegen  vermochte  sich  ein  größerer
Trupp,  wie  der  gegen  ihn  ziehende  war,  nur  langsam
  fortzubewegen.  —

In  einer  Stunde  war  das  Moor  überschritten,
denn  Herr  Sambor  hatte  den  kürzesten  Weg  gewählt
  und  zu  diesem  Zweck  lieber  vorher  einen
tleinen  Uchweg  gemacht.  Von  den  jenseitigen  Höhen
  aus  war  wiederum  kein  Heerestrupp  zu  erblicken,
  und  nun  berechnete  der  Burgherr,  daß  der
Feind,  selbst  wenn  er  die  halbe  Schnelligkeit  anwandte,
  mit  der  er  selber  anfänglich  den  Rückweg
gemacht  hatte,  erst  nach  etwa  zwei  Stunden  sein
Ziel  erreichen  würde.  Er  selber  aber  vermochte  es
jetzt  in  wenig  mehr  als  einer  halben  Stumde  zu
gewinnen,  denn  soeben  überschritten  sie  die  letzte
Anhöhe  und  sahen  See  und  Dorf  vor  sich  liegen.

Während  Herr  Sambor  gerade  das  Moor  durchquerte,
  begab  sich  Kanja,  der  Oberpriester,  zu  dem
Altar  des  Sommergottes  hinauf.  Dieser  lag  unfern
  des  Dorfes  auf  einem  Anger,  der  sich  allmählich
  zum  See  hinabsenkte,  während  die  andere  Seite
von  dem  Fahrchege  begrenzt  wurde,  der  über  den
Verg  zum  Moore  führte.  Sechs  Tage  währte  es
noch  bis  zum  großen  Feste  der  Sommersonnenwende,
  und  heute  begannen  nach  altem  Brauch  die
Vorfeiern.  Kanja  trug  einen  langen,  weißen  Mantel,
  der  am  unteren  Rande,  am  Kragen  und  Zusammenschlag
  mit  rotem  Aufstick  verziert  war.  Seine
Stirn  umschloß  eine  mit  Goldfäden  dicht  durchwirkte
  Binde,  die  von  fern  den  Goldreifen  glich,
wie  sie  die  Oberpriester  großer  Stadtgemeinden  zu
tragen  pflegten.  Sein  breiter,  gelbbrauner  Bart  erglänzte
  vom  Salböl  im  Sonnenlichte.  In  der  Rechten
  trug  Kamia  einen  langen  und  starken,  süberknaufigen
  Stock,  der  über  und  über  mit  einge-Unser

  Hommerland

schnitzten  Geheimzeichen  bedect  war.  Von  den
Dorfaltesten  geleitet  schritt  der  Priester  würdevollen
Ganges  und  ernstgestellter  Miene  dahin.

Ihm  voran  wurde  eine  ehemals  wohl  dunkelgrüne,
  jetzt  verblichene  Fahne  getragen,  auf  der
man  eine  gelbe  Sonnenscheibe  erblickte,  aus  der
gleichfarbige  Strahlen  hervorschossen,  wahrend  ein
Aehren=  und  Laubkranz  das  Bild  umschloß.  Es
war  das  Banner  des  Sommergottes.  Viel  Volks
in  grellbunten  Festgewändern,  zumeist  Weiber  und
Kinder,  beschloß  den  Zug.  Als  dieser  auf  dem
Anger  anlangte,  trat  Kanja  vor  den  Altar,  den
ein  Kranz  blumengeschmuckter  junger  Madchen  umgab.
  Der  Priester  wendete  sein  Antlitz  der  Sonne
zu,  zwinkte  mit  seinen  fettschweren,  wulstigen
Augenlidern  einigen  der  Dorfschönen  schalkthaft  zu
und  wollte  gerade  seine  Stimme  erheben,  als  plotzlich
  ein  scharfer,  singender  Ton  die  stille  Luft
durchzitterte.  Kanja  griff  mit  der  Hand  nach  dem
Herzen  und  sank  dann,  wie  vom  Blitz  getroffen,
rücklings  zu  Boden.

Im  gleichen  Augenblick  vernahm  man  die  Worte:
  „Dies,  heimtückischer  Mörder,  der  Lohn  für
Dein  verbrecherisches  Tun.  Doch  wisse,  Du  stirbst
und  der  Ritter  lebt!“

„Die  Herrin!“  murmelte  Kanja  fäusteballend  mit
ersterbender  Stimme,  dann  vöchelte  er  noch  einmal
tief  auf,  rollte  wild  die  Augen  und  verschied.

Unter  gellendem  Aufschrei  der  Weiber  war  das
Volk  auseinandergestoben,  als  es  den  Priester  mit
der  Todeswunde  in  der  Brust  fallen  sah.  Nun
blickte  es  in  starrem  Entsetzen  zu  der  Rächerin  hinauf,
  die  hoch  zu  Roß,  den  Bogen  noch  in  der
Hand  haltend,  lodernden  Auges  vor  einem  dichten
Erlengebüsch  hielt,  aus  dem  sie  kurz  vor  der  Tat
hervorgekommen  war.  Nun  aber  warf  sie  den  Bogen
  über  die  Schulter,  lenkte  ihr  Roß  seitwärts  und
ritt  in  ruhigem  Trabe  davon.  Erst,  nachdem  sie
hinter  einer  Bodenwelle  den  Augen  der  Menge  entschwunden
  war,  trieb  sie  ihr  Pferd  zu  schnellerer
Gangart  an.  Niemand  wagte,  ihr  zu  folgen,  war
doch  nicht  einmal  ein  Wort  der  Mitbilligung  oder
des  Zornes  laut  geworden,  als  sie  ihre  Tat  frei
bekannte.

Man  hatte  ein  paar  Männer  ins  Dorf  hinabgeschickt,
  eine  Tragbahre  herbeizuholen.  Unterdessen
umstanden  die  Dörfler  dichtgedrängt  den  Leichnam
und  ergingen  sich  in  allerlei  halblaut  und  in  scheuer
Zurückhaltung  geäußerten  Vermutungen  über  die
Ursache  des  schrecklichen  Strafgerichts.  Niemand
wuzte  etwas  Sicheres,  aber  aus  den  Worten  der
Herrin  schloß  man,  daß  der  Getötete  einen  Anschlag
  gegen  den  deutschen  Ritter  verübt  habe.  Und
nun  brachte  man  hiermit  den  plötzlichen  Tod  des
Tempeldieners  und  Fischers  sowie  das  unheimliche
Verschwinden  zweier  Burgknechte  in  Verbindung
und  spann  seine  Vermutungen  weiter.

Da  kam  in  scharfem  Trabe  mit  seinen  Krnechten
Burgherr  geritten,  warf  einen,  Blick  auf  die
und  wollte  vorüberreiten,  als  einer  der

der
Menge