Contents : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Einundzwanzigster Jahrgang. 1905. (46)

Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April.)                     79

die,  daß  beide  Mächte,  Deutschland  und  Frankreich,  in  Fez  über  ihre
marokkanischen  Interessen  mit  der  Regierung  eines  völkerrechtlich  unabhängigen
  Staates  verhandeln."“

            Am  5.  April  schreibt  sie:  „Der  „Temps“  behandelt  in  einem  neuen
Artikel  zu  der  marokkanischen  Frage  die  Aeußerungen  des  Deutschen  Kaisers
in  Tanger  als  ein  fait  nouvel  und  fragt  auch  über  die  unfreundliche  Haltung
  der  deutschen  Politik  an.  Wir  lehnen  es  ab,  im  gleichen  Ton  zu
erwidern,  und  beschränken  uns  darauf,  folgendes  festzustellen:  Die  Ansprache
des  Kaisers  deckt  sich  mit  der  Erklärung,  die  der  Reichskanzler  Graf  Bülow
am  29.  März  im  Reichstag  abgab.  Deutschland  erstrebt  die  wirtschaftliche
Gleichberechtigung  aller  in  Marokko  vertretenen  Länder  im  Geiste  der  in
Madrid  1880  abgeschlossenen  Konvention.  Frankreich  beansprucht  dagegen
nach  den  Worten  Delcassés  eine  singuläre  Stellung,  deren  Vereinbarkeit
mit  dem  Grundsatze  der  offenen  Tür  Zweifeln  unterliegen  muß.  Der
Widerspruch,  der  zwischen  der  Anerkennung  der  Souveränität  des  Sultans
und  der  Unabhängigkeit  Marokkos  einerseits  und  dem  Anspruch  auf  die
Kontrolle  in  der  inneren  Verwaltung  des  Landes  andererseits  besteht,  ist
bisher  unaufgeklärt  geblieben,  ebenso  hat  es  der  „Temps'  unterlassen,  die
von  ihm  selbst  der  französischen  Politik  in  Fez  zugeschriebene  Rolle  eines
Mandatars  von  Europa  in  Uebereinstimmung  mit  der  Tatsache  zu  setzen,
daß  Deutschland  keinerlei  Mandat  erteilt  hat.

            Am  6.:  „Der  „Temps'  läßt  sich  aus  St.  Petersburg  melden,  ein  Beweggrund
  für  den  Besuch  des  Kaisers  in  Tanger  sei  der  Wunsch  gewesen,
sein  Mißfallen  darüber  zu  bekunden,  daß  Rußland  sich  geweigert  habe,  den
deutschen  Ratschlägen  mit  Beziehung  auf  die  Friedensverhandlungen  Gehör
zu  geben.  Dieses  Mißfallen  habe  sich  bereits  in  dem  Anerbieten  geäußert,
in  Berlin  wegen  einer  Anleihe  für  Japan  zu  verhandeln.  Das  sind  dreiste
Unwahrheiten.  Der  Kaiser  mischt  sich  weder  in  die  Entschließungen  des
Kaisers  Nikolaus  über  Krieg  und  Frieden,  noch  in  die  Frage,  wie  und
wo  die  kriegführenden  Mächte  ihre  Anleihen  aufnehmen.

            April.  Streit  innerhalb  des  Zentrums.

            Abg.  Frhr.  v.  H e r t l i n g  (3.)  veröffentlicht  in  der  Zeitschrift  „Hochland“
  einen  Aufsatz  über  „Politische  Parteibildung  und  soziale  Schichtung".
  Darin  schildert  er  die  Gefahren,  die  einer  Partei  drohen,  wenn
sie  sich  überwiegend  auf  Bauern  und  Handwerker,  überhaupt  auf  kleine
Leute  stütze  und  durch  deren  Einfluß  die  ganze  Richtung  ihrer  Politik
bestimmen  lasse.  Der  Artikel  schließt  mit  den  Worten:  „Eine  große  Wirtschaft
  braucht  auch  einen  Hausknecht;  schlimm  ist  es  nur,  wenn  der  Hausknecht
  den  Herrn  spielt  oder  den  Ton  angibt.“  In  bayerischen  Blättern
wird  diese  Wendung  auf  den  Abgeordneten  Dr.  H e i m  bezogen;  in  der
bayerischen  Zentrumspresse  und  in  Versammlungen  wird  deshalb  Hertling
lebhaft  angegriffen,  z.  B.  vom  Abg.  v.  O r t e r e r.  Frhr.  v.  Hertling  erwidert,
daß  er  mit  jenen  Worten  einen  bestimmten  bayerischen  Abgeordneten  nicht
gemeint  habe;  im  übrigen  aber  nimmt  er  für  sich  das  Recht  in  Anspruch,
über  die  Erscheinungen  und  Vorkommnisse  in  der  Zentrumspartei  seine
eigene  Ansicht  zu  haben  und  in  der  ihm  angemessenen  Form  zum  Ausdruck
  zu  bringen.  Dr.  Heim  veröffentlicht  einen  Artikel  mit  dem  Motto:
„Die  Wahrheit  ist  ein  Hausknecht,  die  Phrase  ein  Lakai.“  Er  polemisiert
darin  gegen  Strebertum,  politisches  Lakaientum  und  Doktrinarismus.

            1.  April.  (P r e u ß i s c h e s  H e r r e n h a u s.)  Beratung  und  Annahme
  der  wasserwirtschaftlichen  Vorlage.
            Die  Kommission  beantragt  Zustimmung  zu  den  Beschlüssen  des  Ab-