Full text : Briefe und Akten zur Geschichte des Dreissigjährigen Krieges. Neunter Band. (9)

66  1611  26.

Jaunar22.  auf  weitere  Resolution  wartet;!  das  passauer  Volk  ist  zwar  aufgebrochen,
  hat  aber,  wie  ich  höre,  Dero  Landen  nicht  geringen  Schaden
zugefügt  und  soll  entschlossen  sein,  sich  in  das  Stift  Konstanz  zu
begeben,  um  sich  mit  dem  oberelsässischen  und  einem  Teil  des
mailänder  Volkes,?  das  durch  Tirol  herausziehen  soll,  zu  vereinigen.
Die  Absicht  ist  zwar  noch  unbekannt;  aber  es  ıst  unschwer  zu  ermessen,
  dass  dabei  nicht  nur  die  jülichschen  sondern  auch  andere,
vielleicht  der  unierten  Stände  Lande  gemeint  sind  und  allerlei  gefäbrliche
  Anschläge  darunter  verborgen  sein  mögen.  Ich  glaube  nun
zwar  nicht,  dass  die  unierten  Stände  beim  Kaiser  in  so  ungleichem  Konzept
sein  sollten,  zumal  sie  nie  gegen  den  Kaiser  etwas  vorsätzlich  gehandelt
haben;  sie  haben  vielmehr  zur  Vermeidung  Verdachts  die  innegehabten

ı  Die  Furcht  vor  dem  elsässer  Volk  des  Erzherzogs  Leopold  stak
allen  Ständen  Südwestdeutschlands  in  den  Gliedern.  Dass  das  mit  Hilfe
nachbarlicher  Anleihen  bezahlte  Kriegevolk  (es  handelte  sich  um  die
Regimenter  Reuschenberg,  Salın,  Lützelburg  und  um  Kriechingens  Reiter),
das  sehr  gegen  den  Willen  der  Nachbarn  im  Oberelsass  einquartiert  worden
war,  nicht  entlassen  wurde,  erregte  namentlich  im  Zusammenhang  mit  den
Bewegungen  des  passauer  Volkes  das  grösste  Mistrauen,  nicht  nur  bei  Jen
Unierten,  die  schon  im  speirer  Abschied  vom  7.  Dezember  (Briefe  und
Akten  lll,  uo.  294)  Vorkehrungen  gegen  diese  Volk  trafen  sondern  auch  bei  Erzherzog
  Maximilian  (vgl.  dessen  Befehlschreiben  an  die  vorderösterreichische
Regierung  vom  19.  Januar  1611;  Jb.,  Regimentssachen  von  1611,  Kopialbuch,
f.  63’).  Es  verlautete,  Erzberzog  Leopold  habe  den  Obersten  Kriechingen  angewiesen,
  die  Truppen  unabgedankt  zu  lassen  und  mit  dem  passauer  Volk  zu  vereinen
  (Erzherzog  Maximilian  an  Erzherzog  Ferdinand  am  19.  Januar;  Jb.,
Regimentssachen  von  1611,  f.  161;  Kptkop).  Schon  machte  sioh  der
Herzog  von  Württemberg,  der  mit  Erzherzog  Maximilian  in  reger  Korrespondenz
  stand,  bereit,  diesem  beizuspringen,  die  andern  Unierten  erwogen  die
Beteiligung  an  diesem  Unternehmen  (Hinterlasseene  (Grosshofmeister  und
Räte  der  Kurpfalz  an  deren  Administrator  am  9,/19.  Januar;  Mb.,  119/3,
f.  23;  Kpt.)  und  der  Markgraf  von  Baden  schlug  eine  Zusammenkunft  aller
benachbarten  Unierten  zur  Vergleichung  einer  Defension  vor  (Mb.,  119:3,
f.  42,  Kpt).  Diesen  Gedanken  griff  Kurpfalz  auf  und  schrieb  auf  den

27.  Januar  einon  Kommunikationstag  nach  Worms  aus  (Administrator  an
6.  Februar

Württemberg  am  11./21.  Januar.  Stg.;  Unionsacta,  IX.,  f.  4;  Or.)  Doch
bevor  dor  Tag  zu  stande  kam,  teilten  sich  die  Wolken:  schon  am  20./30.  Jan.
konnten  die  Strassburger  nach  Heidelberg  berichten,  dass  der  Abzug  des
Volkes  begonnen  habe  (Mb.,  1193,  f.  146;  Or.).  Trotzdem  blieb  es  bei
dem  angesetzten  Tag  zu  Worms,  der  eine  „Landrettung“  unter  den  benach-.

  .  .  31.  Januar
barten  Unierten  organisierte  (Abschied  vom  10.  Febmar  unten  no.  56.).

?  Gemeint  ist  das  spanische  Kriegsvolk,  das  nach  der  Aussöhnung
zwischen  Spanien  und  Savoyen  (vgl.  D.  Carutti,  Storia  della  diplomazia
della  corte  die  Savoia,  II.  Rom  1876,  8.  101  f.)  von  dem  neuen  Gouverneur
des  Herzogtums  Mailand  Juan  Mendoza  abgedankt  wurde,  dabei  auch  zwei
deutsche  Regimenter,  die  ihren  Lauf  nach  Deutschland  nahmen.  (Erzherzog
Maximilian  an  den  Administrator  der  Kurpfalz  am  26.  Januar;  Mb.,  119/3,

f.  139;  Or.  und  der  züricher  Rat  an  den  Administrator  am  _23,_Januar
2.  Februar
das.,  f.  224,  Or.;  vgl.  auch  no.  21  und  no.  29.)