Full text : Blätter für Rechtsanwendung. XXXV. Band. (35)

Panslawisten  einen  neuen  Auftrieb.“  In  Petersburg  wurde  der  bulgarische
General  Dimitrieff  begeistert  begrüßt,  und  die  russische  Polizei  fürchtete
bereits  Kundgebungen  vor  der  österreichischen  Botschaft.  Ein  einflußreicher
  Teil  der  russischen  Presse  forderte  die  Balkanverbündeten  zur
Fortsetzung  ihres  siegreichen  Vormarsches  nach  Konstantinopel  auf.
„Die  einen  sehen  bereits  die  ottomanische  Hauptstadt  in  den  Händen
Rußlands,  die  anderen  überlassen  sie  den  Bulgaren  und  begnügen  sich
mit  dem  ‚Schlüssel  für  das  Schwarze  Meer‘  für  die  russische  Flotte.  Die
‚Novoje  Vremja‘  sagt  indessen  voraus,  daB  dieses  Mal  noch  die  russische
Diplomatie  vor  England  zurückschrecken  würde,  das  der  Ansicht  ist,
alle  Meerengen  der  Welt  seien  durch  Gott  Großbritannien  zugesprochen  .“
Andere  Blätter,  so  der  „Rjetsch‘‘,  vertraten  einen  gemäßigteren  Standpunkt
  und  bezeichneten  den  endgültigen  Besitz  Konstantinopels  durch
die  Slawen  als  eine  Utopie.

Anfangs  April  brachte  Montenegros  unnachgiebige  Haltung  gegenüber
  Österreich-Ungarn  in  der  Frage  der  Belagerungvon  Skutari
  den  europäischen  Frieden  erneut  in  ernste  Gefahr.  Baron  Beyens
berichtet  darüber  am  4.  April!)  mit  dem  Ausdrucke  der  Sorge,  ob  es  gelingen
  werde,  den  Frieden  zu  erhalten.  Er  gibt  zu,  daß  Österreich-Ungarn
„ohne  sich  zu  diskreditieren,  Skutari,  die  künftige  Hauptstadt  des  künftigen
  albanischen  Staates,  nicht  in  den  Händen  Montenegros  lassen‘
könne.  Die  unnachgiebige  Haltung  Montenegros  scheint  ihm  verständlich,
da  die  Mißerfolge  des  Königs  seine  Krone  gefährden;  er  darf  nicht  zum
Opfer  der  Wiener  Politik  werden.  |

Ganz  anders  stand  es  mit  Serbien,  ohne  dessen  Hilfe  der  König
von  Montenegro  die  Belagerung  von  Skutari  nicht  fortzusetzen  vermochte.
  „Der  serbische  Geschäftsträger  sagte  hier  kürzlich,‘  berichtet
Beyens,  „daß  seine  Regierung  nicht  sechs  Monate  lang  sich  weiter  vorgewagt
  hätte,  ohne  sich  um  die  österreichischen  Drohungen  zu  kümmern,
wenn  sie  nicht  durch  den  russischen  Gesandten,  Herrn  v.  Hartwig,  einen
Diplomaten  aus  der  Schule  des  Herrn  Iswolski,  dazu  ermutigt  worden
wäre.  Man  muß  zugeben,  daß  die  Ereignisse  bis  jetzt  der  dreisten  Kühnheit
  des  Belgrader  Kabinetts  recht  gegeben  haben.  Die  russische  Politik
zeigt  ein  Zögern,  das  die  europäische  Lage  ganz  besonders  erschwert.
Herr  Sazonoff  ist  im  Herzen  mit  seinen  Kollegen,  die  die  Politik  der  Großmächte
  leiten,  einig,  aber  er  fühlt,  daß  sein  Einfluß  auf  den  Zaren  durch
die  Hofpartei  und  die  Panslawisten  untergraben  wird.  Daher  die  Widersprüche
  in  seinem  Verhalten.  In  London  stimmt  er  durch  den  russischen
Botschafter  dem  Konzert  der  Mächte  zu,  die  entschlossen  sind,  Montenegro
zur  Vernunft  zu  bringen,  zögert  jedoch,  Frankreich  offiziell  das  Mandat
zu  übertragen,  den  russischen  Verbündeten  bei  der  Blockade  der  montenegrinischen
  Küste  zu  vertreten.  Es  unterliegt  keinem  Zweifel,
  daß  man  in  Paris.  dieser  Winkelzüge  müde
ist,  aber  man  erträgt  eben  —  wenn  auch  unter
Verwünschungen  —  die  Folgen  des  Bündnisses

I)  Belgische  Aktenstücke,  Nr.  103;  Bd.  IV,  S.  137  ff.
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