326 37. Internationale Lage: Fürst Bülow.
gerade auf dem Gebiet der auswärtigen Politik Höflichkeit und Festigkeit
sich gar nicht ausschließen; es kommt nur darauf an, die eine wie die
andere Eigenschaft im rechten Augenblick zur Anwendung zu bringen.
Als ein ausgezeichneter russischer Diplomat, Fürst Orloff, nach dem für
Rußland unglücklich, aber ehrenvoll verlaufenen Krimkriege nach Paris
geschickt wurde, um die Unterhandlungen einzuleiten, die später zum
Pariser Kongreß führten, apostrophierte er den Kaiser Napoleon III.
mit den Worten: die Hauptkunst eines Diplomaten, Sire, — sagte er
zu ihm — besteht darin, daß er im richtigen Moment zu schmeicheln
und im richtigen Moment einen Fußtritt zu geben versteht.
(Heiterkeit.)
Unser seliger Kaiser Nikolaus — fuhr er fort — war ein großer
Monarch; aber als er den Krimkrieg anfing, hatte er diesen weisen
Grundsatz einen Augenblick aus den Augen verloren, deshalb bin ich
hier. Es kommt also darauf an, die eine wie die andere Eigenschaft
im rechten Angenblick zur Anwendung zu bringen. Ungefüge Anrempelungen
des Auslandes, knotige Manieren, ein konsequent sich überhebender
und anmaßender Ton wirken schon in der Presse schädlich, viel schädlicher,
als sich manche Leute einbilden; die würden unberechenbare Konsequenzen
haben, wenn ich in meiner verantwortlichen Stellung mich dazu
hinreißen ließe.
Wenn man auf den Fürsten Bismarck hingewiesen hat, so wird
ein eingehendes Studium der Reden wie der Handlungen dieses unvergleichlichen
Staatsmannes jeden davon überzeugen, daß dessen
Größe nicht in Sporenklirren, Kürassierstiefeln und nicht im
Rasseln mit dem Pallasch bestand, sondern im rechten Augenmaß
für Menschen und Dinge.
(Sehr richtig! rechts.)
Das Dogmatisieren des Fürsten Bismarck ist übrigens — das
möchte ich doch einmal offen aussprechen — bei uns nicht nur zu einer
Manie, sondern beinahe zu einer Kalamität geworden. Wir laborieren
an dem mißverstandenen Fürsten Bismarck.
(Sehr wahr! in der Mitte.)
Da zeigt sich so recht unsere deutsche Neigung, alles zu einem System
zu machen. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, namentlich in
der Konufliktszeit, war der Gelehrte, der Professor das Ideal des
politisierenden Deutschen; der schwebte uns seit der Frankfurter Pauls-