434. Das neue Regiment.
zu leicht gegen jeden, der sich unliebsam machte, gebrauchen. Die Thatsache, daß
der König die zur Gräsin Lichtenau erhobene Wilhelmine Enke als seine Geliebte
behandelte, daß er späterhin mit der Gräfin Ingenheim und nach deren Tode mit
der Gräfin Dönhoff zu Lebzeiten seiner Gemahlin, der Königin Friederike,
Ehen abschloß, wirkte auf den Hof wie die
bürgerliche Gesellschaft als ansteckendes Beispiel
und erwünschte Entschuldigung verderblich ein.
Ueberdies aber hatte das Werk Friedrichs, so
gewaltig es auch war, doch auch seine Schwächen,
die gerade in der Größe Friedrichs beruhten,
und die sich nun schnell fühlbar machten. Von
vornherein eine Natur von unübertroffener Selbständigkeit
und Arbeitskraft hatte Friedrich, wie
wir sahen, selbst alles und jedes allein geleitet,
ja, je älter er wurde, je mehr gewöhnte er sich,
nur sich selbst zu vertrauen. Die Gabe, welche
der Vater bei aller Selbständigkeit und Eigenmächtigkeit
gehabt hatte, Schüler zu erziehen,
die sein Werk fortsetzen konnten, war Friedrich
versagt worden. Die harte Schule, in welcher
Friedrich Wilhelm I. den Geist seines Kronprinzen
zur Arbeit und Pflichterfüllung erzogen
hatte, ist dem jungen Prinzen von Preußen nicht
geworden, wiewohl auch Friedrich es an hartem
Tadel nicht hatte fehlen lassen. Anfänglich trat
der König energisch genug auf, erklärte, sich
selbst der Regierung sgeschäfte zu unterziehen,
verbat sich „ein independentes Verfahren“ der
Minister und verlangte von seinen Beamten
„neben der Ehrlichkeit und Thätigkeit auch Gehorsam,
dieselbe Folgsamkeit bei dem Zivildienst
wie von seinen Offizieren“. Allein die Beamten
waren nicht mehr, wie zur Zeit von Friedrichs
Thronbesteigung an Selbstthätigkeit gewöhnt,
nicht mehr gezwungen, selbst zu denken, selbst
zu erfinden, sondern vielfach wenigstens hatten
sie sich gewöhnt, als gefügige Werkzeuge zu
dienen. An die Stelle des Bewußtseins, einem
reubischer Gomedler vom Lrenedier. Friedrich zu dienen, trat mehr und mehr
Fssspchech ner eeine geschäftsmäßige Routine, die es vergaß,
g 2 daß die Form der Geschäfte nach den Bedürf-WWtW
oe nissen und Ideen der Zeit, nicht aber diese nach
jenen zu bilden seien. Man gewöhnte sich, in
den hergebrachten Formen den Grund der Größe des Staates zu sehen und
bedachte nicht, daß jene für die Bedürfnisse ihrer Zeit getroffen seien, und daß
das Leben stets neue Forderungen stellt, die ungestraft nicht vernachlässigt werden
dürfen.