Full text: Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Neunundzwanzigster Jahrgang. 1913. (54)

Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (April 9.) 159 
wäre, die einjährige Rüstungspause zwischen Deutschland und Frankreich 
einzuführen, so würden zwei Völker aufatmen. Darum wäre es zu wünschen, 
wenn der aus der Schweiz zu uns dringende Ruf eine friedliche Antwort 
fände. Wenn die Regierung die Initiative nicht ergreift, so muß es Sache 
der Volksvertreter sein, es zu tun. Wenn es gelänge, in der Schweiz zu 
einem Abkommen zu gelangen, so würde das einen gewaltigen moralischen 
Eindruck in Europa machen und der Anfang dieser Entwicklung sein, die 
doch einmal kommen muß. Die Vernunft ist auf dem Marsch und wird 
sich zu einer europäischen Großmacht auswachsen, und niemand wird sich 
dieser Entwicklung entgegenstellen können. Wir hoffen, daß die bürgerlichen 
Friedensfreunde, die den Willen ihrer Wähler achten, mit uns arbeiten 
werden. Hinter uns steht der Wille zweier Nationen. 
   Abg. Häusler (3.): Das Landheer ist die Grundlage unserer Macht- 
stellung und muß auf der Höhe der Zeit erhalten werden. Ueber die Not- 
wendigkeit einer Vorlage können aber die europäischen Nationen nicht allein 
entscheiden nach den bisherigen Erfahrungen. Zu welchem Zwecke machen 
wir Ouinquennate, wenn sie in jedem Jahre abgeändert werden sollen? 
Wir bedürfen einer jährlichen Festsetzung der Präsenzstärke. Nur die weitere 
Verkürzung der Dienstzeit ist meines Erachtens ein gangbarer Weg, selbst- 
verständlich unter Beseitigung aller Ungleichheiten, sowohl des Einjährig- 
Freiwilligen-Privilegs als auch der dreijährigen Dienstzeit bei der Kavallerie. 
Die Anforderung neuer großer Kavalleriemassen, ohne daß in der Herab- 
setzung der Dienstzeit ein Eutgegenkommen gezeigt würde, beweist ein Ver- 
kennen der Notwendigkeiten. Kein Soldat wird behaupten, daß eine starke 
Ravallerie unnötig sei, doch ist sie nur so weit nötig, als dadurch eine drei- 
jährige Dienstzeit unnötig geworden ist. Man braucht bei einer Verkürzung 
der Dienstzeit nicht sofort an das Milizsystem zu denken. Durch die Hinaus- 
schiebung des Rekruteneinstellungstermins um einen Monat ist ein gesetzlich 
festgelegter Urlanb von zwei Monaten im Herbst und von drei Monaten 
im zweiten Dienstjahr ermöglicht. Hierdurch wären die Kosten beträchtlich 
zu vermindern ohne jede Verminderung der Kriegsbrauchbarkeit des Heeres. 
Unsere Peeresausbildung bietet noch große Möglichkeiten der Vereinfachung. 
Die Marschleistungen und die Schießfertigkeit sind die Hauptsache. Die 
Schweiz ist uns an Marschleistung und Schießfertigkeit trotz aller unserer 
Anstrengungen noch immer überlegen. Es gibt auch bei der zweijährigen 
Dienstzeit keinen angenehmeren und gesunderen Beruf als den des Offiziers. 
Das Tagewerk des Offiziers kann bequem in wenigen Stunden erledigt 
werden. Wenn unsere Offiziere nervös werden — da stimme ich meinem 
Kollegen Müller entschieden zu — dann werden sie es nicht durch den Dienst, 
sondern durch die ewigen Inspektionen. Im Bewußtsein unserer militärischen 
Leistungen können wir uns zu einer Herabsetzung der Dienstzeit entschließen. 
Lebhaftes Bravo I.) Es muß bei dieser Vorlage der Frage nahegetreten 
werden, ob wir im deutschen Heere nicht viel zu viel höhere Offizierstellen 
haben. Ueberflüssige Generalstellen ab zuschaffen würde Millionen ersparen 
und die Kriegsbereitschaft würde nur gewinnen. (Hört! Hört!) Im Inter- 
esse des Offizierskorps dürften keine Stellen geschaffen werden, für die im 
Frieden nicht eine ausreichende Verwendung gesichert ist. An guten Unter- 
offizieren wird kein Mangel sein, wenn wir uns dazu entschließen, eine 
Zwischenstellung zwischen Offizieren und Unteroffizieren zu schaffen, ähnlich 
wie in Frankreich, und wenn wir dadurch anreizen zum Ergreifen des 
Berufs. Das Militäranwärterwesen ist geradezu eine volkswirtschaftliche 
Kalamität geworden. (Sehr richtig! l.) Eine Streichung der Tischgelder der 
Offiziere ist nötig. Reise= und Umzugskosten sollten um Millionen gekürzt 
werden. Auch das Militärbauwesen verträgt starke Abstreichungen. Die