Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreizehnter Jahrgang. 1897. (38)

ELILIIEIIIIIIIITITIIIIIIII  361

nischen  Tarifpolitik  —  vorlägen.  Ohne  ökonomisches  Gedeihen  sei
aber  eine  politische  Machtentfaltung  auf  die  Dauer  unmöglich:
kurz  auf  der  Verstärkung  der  Flotte  beruhe  die  Zukunft  der  deutschen
  Nation.  (Vgl.  u.  a.  L.  E.  zur  Flottenfrage  Preuß.  Jahrb.
Bd.  90  und  Paul  Voigt,  Deutschland  und  der  Weltmarkt  Bd.  91).

Diese  Gedanken  wurden  von  Gelehrten,  Militärschriftstellern,
Politikern,  Kaufleuten  und  Industriellen  von  den  verschiedensten  Gesichtspunkten
  aus  systematisch  in  zahllosen  Arbeiten  ausgeführt:  ihr
Resultat  war  immer  dasselbe.  Die  Gegner  schwiegen  nicht,  aber
man  darf  es  wohl  als  einen  Beweis  von  der  inneren  Schwäche
ihrer  Position  auffassen,  daß  kaum  ein  Versuch  gemacht  wurde,
die  Schriften  der  Flottenfreunde,  die  zum  Teil  von  hohem  wissenschaftlichen
  Werte  waren,  ausführlich  und  grundsätzlich  zu  widerlegen,
  sie  begnügten  sich  fast  ausschließlich  mit  Gelegenheitsartikeln
und  Protesten  in  Versammlungen.  Eines  ihrer  Argumente  war  die
Behauptung,  es  sei  unmöglich,  die  vermehrte  Schiffszahl  mit  genügend
  ausgebildeten  Mannschaften  zu  besetzen,  ohne  die  auch  das
bestkonstruierte  Schiff  wenig  wert  sei.  Demgegenüber  verwies  die
Gegenpartei  auf  die  täglich  wachsende  Handelsmarine,  von  der  im
Bedarfsfalle  —  so  gut  wie  von  einigen  Industrien,  z.  B.  der
Montanindustrie  —  die  nötigen  Mannschaften  leicht  zu  bekommen
sein  würden,  und  auf  den  langsamen  Bau  der  neu  zu  bewilligenden
Schiffe,  währenddessen  genügend  Mannschaften  ausgebildet  werden
könnten.  Der  weitere  Einwand,  daß,  sobald  Deutschland  seine
Marine  verstärke,  auch  die  Übrigen  Mächte  nicht  zurückbleiben
würden  und  so  ein  eifriger  Wettlauf,  „die  Schraube  ohne  Ende“
entstehen  würde,  wurde  damit  beseitigt,  daß  Deutschland  zu  seiner
wirtschaftlichen  und  politischen  Selbsterhaltung  unbedingt  eine
leistungsfähige  Flotte  haben  müsse,  und  überdies  sei  diese  befürchtete
Folge  der  deutschen  Flottenvermehrung  wenig  wahrscheinlich,  da
Deutschland  bekanntlich  keine  aggressive,  sondern  eine  friedliche
Politik  verfolge.  Auch  die  Unmöglichkeit,  die  Kosten  einer  erheblichen
  Flottenvermehrung  zu  tragen,  die  ins  Feld  geführt  wurde,
ließen  die  Marinefreunde  nicht  gelten:  erstens  sei  die  deutsche
Steuerkraft  weit  weniger  angespannt  als  in  den  Nachbarstaaten,
und  dann  sei  die  Ausgabe  für  die  Flotte  kein  totes,  sondern  ein