Full text : Die Ernährungsverhältnisse der Volksschulkinder.

Einleitung.  7

die  Zentralstelle  für  Volkswohlfahrt  das  Ersuchen,  durch  Aussenden
von  Fragebogen  an  sämtliche  größeren  Städte  und  Gemeinden  des
Reiches  für  die  weiteren  Beratungen  das  erforderliche  Tatsachenmaterial
  zu  schaffen.  Obwohl  durch  Beigabe  eines  Fragebogenentwurfs
  nur  über  die  zurzeit  bestehenden  Speisungseinrichtungen  Angaben
  hätten  beschafft  werden  sollen,  glaubte  die  Zentralstelle  für  Volkswohlfahrt
  doch  durch  Herausgabe  eines  zweiten  Fragebogens  den  Ernährungsverhältnissen
  der  Schulkinder  im  allgemeinen  nachgehen  zu
müssen.  Der  Grund  für  diese  Erweiterung  lag  hauptsächlich  in  der
Vermutung,  daß  die  Ursachen  ungenügender  oder  unzweckmäßiger  Ernährung
  zum  großen  Teile  in  den  eigenartigen  Verhältnissen  und  Ernährungsanschauungen
  der  Familien  gesucht  werden  müßten.  Hier
könnten  Umstände  mitwirken,  die  nicht  etwa  nur  ein  Eingreifen  für
einige  Wintermonate,  sondern  eine  Fürsorge  in=  und  außerhalb  der
Familie  das  ganze  Jahr  hindurch  erforderlich  machen.  Es  war  zu
erwarten,  daß  die  Schülerspeisungsfrage  überhaupt  nur  bei  gründlicher
Kenntnis  der  Ernährungsverhältnisse  in  der  Familie  richtig  beurteilt
werden  könne.  Der  Wortlaut  der  Fragebogen,  und  zwar  Nr.  1,  betreffend
  den  derzeitigen  Stand  eineröffentlichen  oder  privaten
Schulkinderspeisung  und  Nr.  2,  betreffend  die  Ernährungsverhältnisse
  der  Schulkinder  im  allgemeinen,  ist  dem  wesentlichen
  Inhalte  nach  später  wiedergegeben.  Es  war  anzunehmen,  daß
die  Beantwortung  besonders  des  zweiten  Fragebogens  in  größeren
Städten  zeitraubende  Erhebungen  durch  Schulärzte  oder  Lehrpersonen
nötig  machen  würde,  und  aus  diesem  Erunde  wurde  der  Einsendungstermin
  bis  auf  Juli  1908  erstreckt;  allerdings  auch  zum  Teile  aus  dem
Grunde,  um  durch  getrennte  Erhebungen  in  den  Winter=  und  Sommermonaten
  in  den  Jahreszeiten  gelegene  Unterschiede  zu  ermitteln.  Es
wird  später  noch  besonders  hervorgehoben  werden  können,  mit  welchem
Eifer  die  Städteverwaltungen  dem  Ansuchen  der  Zentralstelle  entsprachen,
  so  daß  das  Ergebnis  der  Fragebogenenquete  tatsächlich  einen
vollen  Einblick  in  die  Mannigfaltigkeit  bestehender  Einrichtungen  und
auch  der  Ernährungsverhältnisse  der  schulpflichtigen  Jugend  in  den
Familien  gibt.  Immerhin  konnte  durch  die  eingeleitete  Aktion  nur

aterial  bezüglich  der  städtischen  Schulkinder  erwartet  werden.  In
England  hat  man  nicht  mit  Unrecht  die  Erhebungen  auch  auf  die
Landschulkinder  ausgedehnt.  Das  Kommissionsprotokoll  führt  ausdrücklich
  die  verschiedenartigen  Speisungseinrichtungen  in  den  ländlichen
Distrikten  an.  Auch  hier  war  für  die  deutschen  Verhältnisse  eine  Erhebung
  notwendig.  Es  ergab  sich  nun  die  Gelegenheit,  im  Zusammenhange
  mit  der  Frage  der  Unterernährung  auf  dem  Lande  auch  die
Ernährungsfrage  für  die  Landkinder,  die  wegen  weiter  Schulwege  in
der  kurzen  Mittagspause  das  elterliche  Heim  nicht  aufsuchen  können,
mit  einzubeziehen  und  eine  Klarstellung  der  vorhandenen  Verhältnisse,
wenigstens  für  Preußen,  durch  die  Kreisärzte  anzuregen.

Bereits  bei  der  vorerwähnten  Konferenz  der  Deutschen  Zentrale  für
Jugendfürsorge  wurde  die  Notwendigkeit  einer  Regelung  hauptsächlich
durch  die  traurigen  Verhältnisse  innerhalb  der  Berliner  Volksschuljugend
  begründet.  Erhebungen  der  Schulärzte  in  einzelnen  Schul-