Rosenheimer Anzeiger
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e
Bosenheimer Tagblatt
Amtkliches Publikalions-Organ
Namuer 218 a. Matthäus, Apostel
Reichslag und Regierung.
5 Berlin, 19. September.
Die österreichische Friedenonote hat eine innerpolitische
Lage geschaffen, welche unzweiselhaft
die Keime einer ernsten Krise in sich schließl. Es
geht um nichts geringeres, als um den Plan, nun
jetzt die volle Parlamentarisierung der
Reichsregierung durchzusetzen. Nun ist ja
nicht zu leugnen, daß der Einfluß der parlamentarischen
Vertretung des deutschen Volkes, also
des Reichstages auf die Regierung und ihre Entschliehungen
nicht sonderlich groß ist. Auch jetzt
ist noch nicht mit dem System gebrochen, den
Reichstag vor vollendete Tatsachen zu stellen.
Dah ein solches Verfahren den Parlamentariern,
die doch schliehlich vor dem Volke die Verantwortung
für die Maßnahmen der Regierung
zu tragen haben, nicht paßt, liegt klar auf der
Hand. Aber es darf auch in politischen Kreisen
niemals vergessen werden, daß wir uns unter den
auherordentlichen Verhältnissen des Kriegszutandes
immer noch befinden und daß hierbei
Rücksichten obzuwalten haben, die unter anderen
Verhältnissen nicht so schwer in die Wagschale
fallen. Man hätte aber schließlich noch das Vor-Jehen
der Regierung in der Frage der deutschrussischen
Zusatzverträge hingenommen, wem
nicht jetzt die österreichisch- ungarische
Sonderaktion zur Erlangung von Friedensbesprechungen
gekommen wäre. Mit Recht
fragt man sich, wo denn da die diplomatische
kinheitsfront bektehe, wie man sich ũberhaupt mit
Sorge fragen muß, ob ein solches diplomatisches
invernehmen zwischen Wien und Berlin in der
wichtigsten Frage, um die es sich augenblicklich
handelt, vorhanden ist. Wenn es nun einmal
aus be'timmten Gründen, die auf Seiten Oesterreichs
liegen, nicht möglich war, diese Aktion
zurückzuhalten, so hätte doch unbedingt ein Weg
gefunden werden müssen, um einen gemeinsamen
Schritt der Verbündeten herbeizuführen.
Die Skepsis, die gegenüber der Zweckmäßigkeit
der Aussicht eines solchen Planes, wie ihn Oefterreich
im Auge hatte, deutscherseits obwaliete,
wird ja nunmehr durch das Echo= vom feindlichen
Auslande her gerechtfertigt. Durch das gesonderte
Vorgehen Oesterreichs haben aber, und
das ist der springende Punkt, die feindlichen Bemühungen
Oesterreich-Ungarn aus dem
Bündnis herauszulocken, zweifellos
einen neuen Ansporn erlangt. Man sieht
es ja auch aus der Haltung, welchp misbesondere
England zu der österreichischen Frieden
note einnimmt, daß man durch die Taktik, es so
darzustellen, als habe man es nicht mit einer
öflerreichischen, sondern mit einer deutschen Aktion
len tun und als sei diese Aktion unaufrichtig und
Unehrlich, auf nichts geringeres ausgeht, als
einen Keil zwischen die Verbündeten zu treiben.
Man will den Oesterreichern vor Augen führen,
dah sie einen binigen Frieden haben könnten
wenn sie sich von Deutschland, dem „einzigen
Friedenshindernis“ freimachten. Die Entwicklungsmöglichkeiten,
die sich aus einer solchen Agisation
gerade für die Zukunft der dautsch-österreichisch-ungarischen
Politik ergeben, sind keineswegs
gering zu veranschlagen.
Eine andere und nicht weniger wichtige und
entscheidende Frage drängt sich in diesem Augenblicke
den Parteien auf die Lippen: Kannte Herr
von Payer, als er seine Stuttgarter Rede hielt,
. Wicner Friedensnote und sollten seine Kriegsz#iel-Erklärungen
gewissermaßen die Basis dieser
Note dem feindlichen Auslande gegenüber sein?
Wir glauben nun allerdings zu wissen, daß Herr
von Payer wohl über die Tatsache einer
bevorstehenden Friedensaktion unserer Verbündeten
unterrichtet war, daß er aber nicht deren
Inhalt, bzw. Wortlaut kannte. Dieses muß
man doch ausschließlich annehmen, denn sonst
wüüßte man sich in der Tat keine Erklärung für
den unter den obwaltenden Umständen unmögbSh
sein sollenden Zustand, daß die beiderseitigen
Auffassungen sich in ihrem legten. Ziele keineswegs
decken. wird auch mit Recht die Frage
aufwerfen dürfen, ob der neue Staatssekre
drn Auswärtigen Herr von Hintze bei seinem
Wiener Besuche außer über die Tatsache, auch
über den Wortlaut der kommenden österreichischen
Sanstag, 31. Seplember 191s
Engl. Angriffe an der Somme abgewiesen.
Ein Erlaß Hindenburgs zur Note Oesterreichs. — Die Italiener
lehnen den österreichischen Vorschlag ab. — Die
Beschießhung von
Metz. — W— νν in Salzburg.
Friedensnote unterrichtet wurde. Das letztere
scheint nach Lage der Dinge auch nicht der Fall
gewesen zu sein. Würde diese — begründete —
[Vermutung zutreffen, so müßte man allerdings
einen bedauerlichen Mangel im gegenseitigen
diplomatischen u. politischen Einvernehmen konstatieren.
Alle diese Dinge werden in den kommenden
Beratungen des Haupt-Ausschusses des Reichstags
eine gewichtige Rolle spielen. Wir fürchten
nur, daß, soweit die Frage des Tages die
Friedensnote selbst und ihre politische und diplomatische
Behandlung in Frage steht, der Reichstag
wieder einmal zu spät kommt. Trotzdem werden
aber von der kommenden Aussprache sehr
wichtige Rückwirkungen zu erwarten sein. Es muß
damit gerechnet werden, daß die Linke des Reichstages
einen großangelegten Vorftoß in der Richtung
der Durchführung einer völligen Parlamentarisierung
der Regierung unternimmt. Man
möchte auf jener Seite auch den Kantiler beseitigen,
da man ihm Schwäche gegenüber den Einlüssen
von Faktoren unterftelll, die nicht mit
irgend einer politischen Verantwortung belaftet
Knd. Des weiteren dürfte das Ziel sein, die
setzige Regierung durch Hinzuziehung von sozialdemokratischen
Parlamentariern zu ergänzen. Es
wäre aber selbstverständlich, daß die Sozialdemokratie
ganz bestimmte „Garantien“ beanspruchen
würde, falls sie sich zum Eintritt in die Reichsleitung
und damit zur Uebernahme der Verantwortung
bereitfinden lassen würde. Man wird
sich des weiteren auch darauf rülten müssen,
daf, ein heftiger Sturm gegen unsere auswärtige
Weitung und im besonderen gegen den neuen
Staatssekretär des Auswärtigen auf Grund der
oben geschilderten Vorgänge erheben wird.
Zedenfalls stehen wir vor einschneidenden politischen
Entschließungen. Es läßt sich nach Lage
der Dinge nicht mehr vermeiden, daß der Reichstag
cinen erheblich größeren Teil der politischen
Geschicke des Reiches in seine Hand nimmt, als
Er# bisher der Fall war. Gegenüber den jetzt
aber wieder beginnenden nerwösen Schilderungen
und Beurteilungen der innerpolitischen Lage und
den neuerlichen Krisengerüchten empfiehlt es sich,
die Ruhe der Nerven zu bewahren.
Hindenburg an das Feldheer.
Berlin, 19. 9. Generalfeldmarschall v.
Hindenburg hat an das Feldheer nachstehenden
Erlaß gerichtet:
Die österreichisch-ungarische Regierung hat
allen Kriegführenden vorgeschlagen, zur Herbei-Führung
des Friedens zu unverbindlichen Besprechungen
in ein neutrales Land Vertreter zu entsenden.
Die Kriegshandlung soll dadurch nicht
unterbrochen werden. Die Bereitschaft z um
Frieden widerspricht nicht dem Geist, in bem
u den Kampf für unfere Heimat führen. Schon
m Dezember 1916 hat der Kaiser, unser oberster
ughe mit seinen Verbũndelen den Feinden
ben Frieden angeboten. Mehrfach hat seitdem
die deutsche Regierung ihre Friedensbereitschaft
belundet. Die Antwort aus dem feindlichen Lager
war Spott und Hohn. Die feindlichen Regierungen
peitschten ihre Völler und Heere weiter
nuf leun Vernichtungskampf gegen Deutschand.
So führten wir unseren Verteidigungstampf
weiter.
Unser Verbündeter hat nun einen neuen Vorschlag
weoct, in Besprechungen einzutreten. Der
Kampf soll dadurch r nicht unterbrochen werden.
Für S Hcer gilt es also weiterzukämpfen.
Das deutsche Her Tt nach vier siegreichen
Kriegsjahren kraftooll die Heimat schirmt, muß
unsere Unbesiegbarkeit dem Feinde beweisen. Nur
hiedurch tragen wir dazu bei, daß der seindliche
Vernichtungswille gebrochen wird. Kämpfend
i wir abzuwarten, ob der Feind es ehrlich
meint, und ob er diesmal zu Friedensverhamjunn
beren ift oder ob er wieder den Frieden mit
v!§8 Furückweist und wir ihn mit Bedingungen
erkaufen sollen, die unseres Volkes Zukunft ver-Uachten.
Die öierreichische Nole.
Eine deutsche uwtç auf Burians
Berlin, 19. r Wie wir hören, wird
Deutschland im Einvernehmen mit den anderen
Verbündeten in der allernächsten Zeit, vielleicht
heute oder morgen, eine Antwort auf die Note
ldes Grafen Burian erteilen. Der Inhalt der
Antwort wird sich im wesentlichen in den Ge-Hankengängen
bewegen, die kürzlich schon halbumtlich
ausgesprochen worden sind.
Die Ablehnung Italiens.
Lugano, 19. 9. Die Stefani-Agentur gibt
nunmehr den ausführlichen Tert der ablehnenden
Kundgebung der italienischen Regierung gegenüber
der Note Burians bekannt. Es heißt da
u.: Die neuerlichen Erklärungen der üölterreichisch-ungarischen
und deutschen Staatsnänner,
dick jedes Zugeltändnis ausschliehen und die
Verträge von Brest-Litowsk und Bukarest
ols endgültig bestätigen möchten, machen
jede zweckdienliche Eröffnung von Verhandlungen
unmöglich. Die Enlente und die Vereinigten
Staaten haben ihre lebhafte Bereiwil-Lligkeit
zu einem gerechten Frieden offen erkennen
lassen und gleichzeitig auch die wesentiichen
Grundlagen angegeben, auf denen dieser Fiede
aufgebaut sein muß. Ueber diese Punkte sagt
Die ökterreichische Note nicht ein Wort, auch
barüber nicht, was sich auf die unmittelbaren
stalienischen Ansprüche bezieht. Diese sind der
österreichischen Regierung wohl bekannt, ebenso
wie sie von den Alliierten anerkannt wurden. Sie
schließen in sich die Erfüllung der völkischen Einheit
durch Freigabe jener italicnischen Volks-Fl#mme
ein, die bis jetzt unter Oesterreich üanden,
sowie die Verwirklichung der Bedingunen,
die für Italiens Sicherheit unumgänglich notwendig
sind. Solange die öfterreichische Rierung
nicht zeigt, daß sie auch diese besonderen
Giele anerkennt ebenso wie die anderen allgemeinen
und besonderen Ziele, für die die Allüerten
vereint kämpfen, so lange wird Italien ncht
pon dem Kampfe ablassen, um die Menschheit zu
riner besseren und gesicherteren Grundlage ##
führen durch einen dauerhaften Frieden, der auf
Freiheit und Gerechtigkeit errichtet ist.
Wilsons Antwort noch
nicht endgultig.
Haag, 18. 9. Der Londoner Korrespondent
des „M#chester Guardian“" schreibt: Die Worte
von Lansings Mitteilung nahm den Einrruck,
als ob die Sache, soweit sie Amerika angeht,
damit abgeschlossen sei. Aus hervorragenden
Kreisen erfahre ich, daß dieser Schluß zuv#cit
gehen würde. Es wäre sehr unwahrscheillich,
wenn Amerika sich nicht der gemeinschaftlichen
Antwort der Alliierten anschließen würde, welche
der Rat von Versailles, wozu auch Anrrika
gehört, ziemlich sicher erteilen werde. Die Mitteilung
von Wilsons Antwort sei für das amerikanische
Volk bestimmt gewesen.
Wilson der Völlermörder.
*Bern, 18. 9. Nach der amerikanischen
Ablehnung ist, wie das „Berner Tagblatt“ aus-,
die Note des Grafen Burian gegenstendslos
geworden. Denn es sei klar,
bei nur auf Wilson angekommen sei. Vre
Wilson, seinen schönen Reden getreu, als Frie-
Prot.: Matthäns 64.r Jahrgang
densfreund aufgetreten, hätte die Entente gar
nicht gewagt, etwas dagegen zu sagen. Die
furchtbare Verantwortung falle somit auf den
Präsidenten der Vereinigten Staaten. Der
Schleier ist endlich gefallen: Die Welt erkenne,
daß Amerika sich die Vernichlung zweier groder
europäischer Völler zum Ziele genommen
habe.
——
Die Schlacht im Wesler.
Abenbbericht.
„ WIB. Berlin, 19. J., abends. Amtlich.
* Auf der ger strigen Schlachtfrom wischen dem
Walde von Havrincourt und der Somme bechränkte
sich der Engländer auf heftige Teilangriffe,
die uberall abgewiesen wurden.
"“
Beschießung von Meyh.
Meh, 19. 9. Die hiefigen Bläner
eine amtliche Mitteilung in der es heißt:
Seit mehreren Tagen beschießt der Feind Metz
ans einem weittragenden Geschntz. Diese Beschießung
i't alle die Jahre hindurch, die der
Krieg schon dauert, 2 moglich gewesen und
wurde schon lange erwartet. Die modernen Geschütge
haben eine weit größere Tragweite als
etwa die der Entfernung von südlich Ponra-(Mousson
nach Men. Die jetzige Beschießung
hängt also keineswegs damit zusammen, daß der
GEreind nach unserer Räumung des St. Mihiel-Bogens
der Stadt naher gekommen ist. Sie ist
nur eine Begleiterscheinung der jeyigen Kämpfe
westlich und südwestlich von Meßz und wird bald
aufhören, wenn diese sich erst festgelaufen haben.
(Daher sind auch vom Gouvernement keinerlei
Uenderungen in den Bestimmungen über die Einund
Ausreise= aus dem Gouvernemems-Bereich
erlassen worden.
Die Kämpfe in Mazedonien.
Bulgarischer Herresbericht vom 17.
September. Mareedonische Front: In der Gegend
von Vitolia und an mehreren Siellen der
Cerna war die FKuertatigleit auf beiden Seiten
zeirweise ziemlich heflig. Oestlich der Cerna wiesen
unsere Einheiten mehrere heftige Angriffe gegen
unsere Stellungen beim Dorfe Bechichte und
auf den Gipfel des Tribor ab. In der Gegend
der Moglena griffen französische Einheiten unlere
vorgeschobenen Stellungen bei dem Dorfe
Gborsko an. wurden aber nach Nahkampf vertrieben
und ließen Ges angene in unseren Händen,
darunter 2 Offiziere. Zu beiden Seiten des
(Wardar wurden tarke englische Angriffsabteilungen
zerstreut. Südlich und westlich von Doiran
dauert das beiderseitige heftige Arrilleriefeut
an.
Det amll. österreichische Vericht.
WITB. Wien, 19. 9. Amtlich wird verlautrt:
i
S—
bringen
Italienischer Kriegsschauplatz.
In den Sieben Gemeinden anhaltend lebhafter
Feuerkampf.
Svchonm. Brenta und der Piape stellre der
Feind nach den schweren Mißerfolgen der Vorhlage
seine Angriffe ein. Unter den braven Truppen,
die in den letzten Kämpfen — von ihrer
blrtillerie trefflich unterstützt — den immer wieder
vorbrechenden Feind siegreich abgewehrt haben,
verdienen die ungarischen Infanterieregimenter
Nr. 39 und 105 besondere Anerkennung.
i San Dona wurde ein nächtlicher Ucberhangsversuch
EW* unser Feuer abgewiesen.
Der Chef des Generalstabs.
Jallen.
Ameritanische Hilfe für Jtalien
notwendig.
: s Lugano, 19. 9. Die „Agenzia Stefanie“
meldet aus Washington, das amerikanische Kongrehmitglied
Tillmanu sei von einem Besuch der
Ententefront mrückgekehrt und von Wilson empfangen
werden. Es habe ihm dringend geraten,