ten dem leidenden und blutenden Europa die Verheißung: „Friede auf
Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“ —, oder aber die entsetzliche
Steigerung des Völkerringens zum Verzweiflungskampfe, in dem alle Mittel
gelten, ja noch mehr als das: die Gefahr des Unterganges der ganzen
mehrtausendjährigen europäischen Kulkur. So standen doch die Dinge.
Noch am Nachmittag des 25. Oktober besprach der Kanzler den Frie.
densschritt mit dem Kaiser und reiste mit dessen Zustimmung am
Abend desselben Tages nach dem Großen Hauptquartier. Auch der Feld.
marschall v. Hindenburg ftimmte zu, daß versucht werden mülsse,
jetzt zum Frieden zu kommen.
Die Verhandlungen mit Oesterreich-Ungarn und unseren anderen Bun
desgenossen wurden ausgenommen. Sie waren nicht ganz leicht und haben
eine gewisse Zeit beansprucht, aber sie wurden mit allem Nachdruck betricben.
Am 31. Oktober, nachdem der Kanzler dem Kaiser über den Gang
der Dinge Bericht erstattet hatte, schrieb der Kaiser an den Kanzler einen
Brief — jenen Brief, der nach meiner Ansicht doch auch in die Alten
dieses Antersuchungsausschusses hineingehört, und den ich mir deshalb mit
Erlaubnis des Herrn Vorsitzenden gestatten werde zu verlesen. Der
Kaiser schrieb damals an den Kanzler:
Der Vorschlag, Frieden zu machen, ist eine sittliche Tat, die notwendig
ist, um die Welt, auch die Neutralen, von dem aurf allen
lastenden Druck zu befreien. Zu einer solchen Tat gehört ein Herr.
scher, der ein Gewissen hat und sich Gott verantwortlich fühlt, und
ein Herz für seine und die feindlichen Menschen, der unbekümmert um
die eventuellen absichtlichen Mißdeutungen seines Schrittes den Willen
hat, die Welt von ihren Leiden zu befreien. Ich habe den Mut
dazu. Ich will es auf Gott wagen!
Ich habe die Karte, auf die der Kaiser mit Bleistift diese Worte an den
Kanzler geschrieben hat, damals mit eigenen Augen gesehen. Sie hat auf
mich den tiefsten Eindruck gemacht. Ich frage: gibt es hier jemanden, der
an der Ehrlichkeit der Absicht, Frieden zu machen, der an dem tiefen sittlichen
Ernst, der an dem chrifllichen und menschlichen Verantwortungsgefühl,
das den deutschen Friedensschritt eingegeben har,
den leisesten Zweisel hegen kann? Darf es semanden geben, der es in
Kenntnis der wirklichen Vorgänge wagen will, Zweifel an dem Ernuft,
an diesem Verantwortungsgefühl in unser eigenes Volk und in die Welt
hinauszutragen, in die Welt, die im Krieg unser Feind war, und die
es — Gott sei es geklagt! — auch heute noch ist. Ich bekenne mich
auch heute noch zu der Meinung: es wird für alle Zeiten ein Ruhmestitel
des deutschen Namens sein, daß von Deutschland und seinen Verbündeten,
in jenem Zeitpunkt, der einen Frieden unter Gleichen gestattete,
die Frage des Friedens vor der Welt aufgeworfen worden ist. Mögen
Sie, meine Damen und Herren vom Ausschuß, an der taktischen Zweckmäßigkeit
des Vorschlages Ausstellungen machen, mögen Sie bezweifeln,
ob es nicht trotz des sieben- bis achtmonatigen Zögerns des Präsidenten
richtig gewesen wäre, Herrn Wilson — um Herrn Wilson nicht zu „verstimmen“
— die Vorhand zu lassen, selbst auf die Gefahr hin, daß abermals
Monate und Monate mit Strömen von Blut dahingingen. Schließ.
lich handelte es sich doch hier nicht um taktische Finessen, nicht um Fragen
der Etikette, wer den Vortritt hat, und nicht um die Tischordnung bei
einem Honoratiorendiener, es handelte sich um die Menschheiesfrag?
des Friedens nach mehr als 2·-jährigem Kriege, um die Frage, ob dieser
Krieg ins Ungemessene fortgesetzt und gesteigert werden solle, oder ob die