Full text: Deutschland und der Weltkrieg.

  
Deutschland und das Weltstaatensystem m 19 
  
sicrung in dem Zeitalter der wachsenden Aationalitätsidec von vorn- 
herein so gut wic ausgeschlossen war; sic ist heute mit Zurechnung der 
aälteren oberschlesischen und sonstigen Bestandteile auf 4 Millionen ange- 
wachsen und bildet cine Art von abgesondertem Gemcinwesen in dem 
deutschen Staate. Preußen ist hier in einer anderen Lage als Öster- 
reich gegenüber den galizischen Polen:#cs ist cin straff zentralisierter Ein- 
heitsstaat und muß es bleiben; es kann den Polen kein abgesondertes 
politisches Dascin gewähren und muß dafür sorgen, daß ihrc Söhne, 
die natürlich auch der allgemeinen Wehrpflicht unterlicgen, in dem 
deutschen Hcerc nicht als unbrauchbarer Iremdkörper erscheinen. Sie 
müssen Deutsch verstehen, und dazu gibt es kein anderes Mittel als dic 
deutsche Schule und die deutsche Verwaltung. Diese Aotwendigkeit 
hauptsächlich ist es, die immer von neuem Konflikte herbeigeführt hat. 
Tber das Maß der nationalen Zugeständnisse läßt sich reden; aber das 
Problem, wic man dic nationalen Forderungen unserer polnischen Mit- 
bürger in gerechter Wcife befriedigen und doch zugleich auch dic preußi- 
schen und deutschen Staatsnotwendigkeiten gebührend berücksichtigen 
kann, hat bisher noch nicmand zu lösen vermocht. Oic gegenwärtige Kri- 
sis berührt auch diesen wunden Punkt unseres Staates und Volks- 
tums ganz besonders empfindlich. Unsere Polenfragc wird bei den 
Veränderungen, dic hicr möglich sind, in Zulunft mit Ernst und gutem 
Willen in Betracht gezogen werden müssen; beim Ausbruch des Krieges 
hat sic keine Rolle gespielt, und im Kriege selbst haben auch unsere pol- 
nisch sprechenden Mitbürger in vollem Maßc ihre Pflicht getan. 
Das deutsche Volk ist trotz seincr langen Geschichte noch keinc alte 
Nassc. Es steht in der Mitte zwischen Frankreich und Uußland, ähnlich 
wie Österreich-Ungarn und Großbritannien, die sich freilich mehr dem 
franzôösischen als dem russischen Pol zuncigen. Frankreich mit ciner 
Volks zunahmc von nur 1,8 auf tausend Köpfe trägt deutlich die Kenn- 
zeichen des sinkenden Alters, Rußland mit einer solchen von 21 dic der 
noch unfertigen Jugend, Deutschland mit ciner Zuwachsrate von 13,6% 
stellt sozusagen das reife männliche Alter dar. Vielleicht haben wir den 
Kulminationspunkt unserer Bevölkerungszunahme schon überschritten: 
bis 1910 betrug sie 134,5% #o; in den letzten Jahren hat sic ctwas abge- 
nommen: immerhin aber stehen wir noch erheblich über dem Verecinigten 
Königreich, das nur einec Zunahme von 8,7 %0 answeist, etwa ebensoviel 
wie Österreich-Ungarn. Unserc Volksvermehrung beträgt also über 
900 000 Köpfe im Jahr; und es bedarf einer angespannten und um- 
sichtigen Betriebsamkeit im Wirtschaftsleben, um diese wachsende Volks- 
mengc auf cinem gleichbleibenden Gebict zu crnähren. Oaß cs uns 
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