Full text: Deutschland und der Weltkrieg.

  
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gelungen ist, beweist die Tatsache, daß unsere Auswanderung seit den 
achtziger Jahren beständig herabgegangen ist und 1913 nur noch 25 800 
Köpfe betrug; d.h. weniger als die Einwanderung. Oie fortschreitende 
Erweiterung des Nahrungsspielraums für unsere wachsende Bevölke- 
rung wird nicht bloß durch die Industrie, sondern auch durch die Land- 
wirtschaft ermöglicht. Micht der Gegensatz, sondern die Vereinigung von 
Industric und Landwirtschaft charakterisiert das deutsche Wirtschafts- 
leben; aber es liegt in der Matur der Sache, daß Fortschritt und Betrieb- 
samkeit sich auf dem industriellen Gebiet am eindrucksvollsten bemerkbar 
machen. Auch in dieser Beziehung tritt der immer noch jugendstarke, 
wenn auch männlich-reise Zug des deutschen Volkslebens deutlich her- 
vor. Frankreich hat den Höhepunkt seiner industriellen Entwicklung 
längst hinter sich: es ist die tppische Rentnernation geworden, die sich 
gleichsam vom Geschäft zurückgezogen hat und von ihren Ersparnissen 
lebt. Rußland steht auch in dieser Hinsicht noch in jugendlicher Un- 
fertigkeit da. England schien vor einigen Jahren im Begriff, cbenfalls 
den Abergang zum Nentnerstaat zu vollziehen. Wir sind im Aufsteigen; 
wir sind auch wirtschaftlich im Begriff, eine Weltmacht zu werden.) 
2. Charakter der deutschen Weltpolitik gegenüber dem 
Imperialismus unserer Gegner. 
Als das Oeutsche Reich begründet wurde, war noch Europa die po- 
litische Welt, auf die der Blick seiner Leiter sich im wesentlichen be- 
schränkte: es wurde ein Glied des europäischen Staatensystems; es trat 
an dic Stelle, die bisher Preußen unter den großen Mächten einge- 
nommen hatte. Es war keine Rede davon, daß mit der Wieder- 
herstellung des Kaisertums irgend etwas von den alten Gedanken des 
früheren Imperialismus wieder erweckt werden sollte. Vielmehr ist das 
neuc Reich geradezu in bewußtem Gegensatz zu dieser mittelalterlichen 
Idee geschaffen worden. Das deutsche Volk und seine Führer hatten aus 
der Geschichte von tansend Jahren gelernt. Sie wußten, daß einc auf 
Woltherrschaft gerichtete Politik das Bolk, das deren Träger ist, leicht 
zu Entartung und Mißbildung führt, wirtschaftlich wic politisch. Das 
Dentsche Reich wollte nichts sein als einc gleichberechtigte Macht neben 
den anderen großen Mächten in der Welt. Wenn cs zcitweisc ein über- 
ragendes Ansehen unter den europäischen Alächten genossen hat, so war 
das cinc selbstverständliche Nachwirkung des starken moralisch-politischen 
2a) Vgl. den folgenden Aufsatz von Schumacher über Deutschlands Stellung 
in der Weltwirtschaft.