Full text: Deutschland und der Weltkrieg.

  
518 Hermann Oncken 
das isolierte Frankreich nach 1871 bestanden hatten, und begann sich 
immer herausfordernder mit dem Schicksal der Elsaß-Lothringer zu be— 
schäftigen. Der gepriesene esprit nouveau, durch ein Aberlegenheits- 
gefühl in der neuen Waffe der Aeroplane belebt und durch immer neue 
Zwischenfälle erhitzt, sprach nunmehr offen von der Stunde, die endlich 
herannahe. Ein französischer Schriftsteller gab der neuen Stimmung 
Ansdruck mit den Worten: das Abkommen von 1911 ist entweder das 
Vorspiel einer wirklichen Verständigung zwischen Deutschland und 
Frankreich oder das Vorspiel eines Krieges. 
Manchem mochte es schon damals scheinen, als ob dieser Span— 
nungszustand sich in einer unmittelbaren Bedrohung des Friedens ent- 
laden würde. Aber die großen Entwicklungstendenzen der Geschichte 
verlaufen niemals ganz geradlinig, sondern durchkreuzen sich wechsel- 
seitig in unberechenbarer Weise. So sollte die letzte Phase vor dem 
Weltkrieg an der bedrohlichsten Stelle eine Entspannung bringen. 
Gleich zeitig aber steuerten Kräfte, die durch die ganze hier dargestellte 
Politik Englands erst ausgelöst worden waren, nunmehr selbständig 
und brutal auf Ziele los, die allein durch den Krieg zu erreichen waren, 
und ihnen gelang es, alle Elemente, die für den Weltfrieden tätig waren, 
beiscite zu drängen und schließlich neue und alte Gegensätze zum Welt- 
krieg gegen die Zentralmächte zu vereinen. 
  
5. Die letzte Phase. 
Deutsch--englischer Entspannungsversuch. Die Offensive des Panslawismus und 
der NRevanche. 1912—1914. 
Wie auf die Krisis von 1908/09 eine Entspannung mit Rußland ge- 
solgt war, so folgte auf den das Tiefste aufwühlenden diplomatischen 
Kampf des Sommers und Herbstes 1911 der Versuch oder der Anschein 
einer deutsch-englischen Entspannung. 
Der Anstoß dazu ging von England aus. Hier war doch ein Zweifel 
zurückgeblieben, ob man in der letzten Krisis den Bogen nicht allzusehr 
überspannt habe und nur mit genauer Not an der größten Gefahr vorbei- 
gekommen sei. Die öffentliche Meinung wurde sich über die Lebens- 
gefährlichkeit klar, zu der sich die Ententepolitik von 1904 ausgewachsen 
hatte. Ein unabhängiger Politiker wie Lord Rosebery tadelte offen eine 
Politik, die mit ihren Ententen Berpflichtungen übernehme, die Eng- 
land unter gewissen, durchaus nicht unwahrscheinlichen Umständenplötz- 
lich nötigen könnten, einen gigantischen Krieg auf sich zu nehmen, und 
sogar in ihrer Unbestimmtheit noch gefährlicher seien als offene Bünd-