Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Vierundzwanzigster Jahrgang. 1883. (24)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  „Nov.  21  27.

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großen  Belastungen  der  Bevölkerung  geführt  habe.  Die  Katholiken  würden
ohne  Besinnen  ihre  Pflichten  dem  Staate  gegenüber  erfüllen;  man  möge  sie
aber  in  die  Lage  setzen,  dies  mit  Freudigkeit  zu  thun.  Frhr.  v.  Minnigerode
  (konserv.)  begrüßt  freudig  die  günstige  Gestaltung  der  Finanzlage  und
konstatiert,  daß  dieselbe  eine  Folge  der  neuen  Finanzpolitik,  ein  Triumph
der  Politik  des  Reichskanzlers  sei.  Er  und  seine  Freunde  stimmten  voll  und
ganz  mit  den  Absichten  der  Thronrede  überein.  Er  erkenne  die  Reformbedürftigkeit
  des  Steuerwesens  an.  Der  Behauptung,  daß  das  Haus  mit
seiner  vorjährigen  Resolution  über  die  Kapitalrentensteuer  den  Ertrag  des
Grundbesitzes  ausdrücklich  einbegriffen  habe,  müsse  er  entgegentreten.  Rickert
(Sezess.)  hebt  hervor,  daß  die  Steigerung.  des  Kultusetats  eine  Folge  der
notwendigen  Vermehrung  der  Schulen  sei,  die  dem  Lande  in  erster  Reihe
notthun.  Gegenüber  den  gesteigerten  Ergebnissen  der  Staatsbahnverwaltung
müsse  er  an  die  politischen  Gefahren  erinnern,  die  ein  so  kolossaler  Staatsbesitz
  und  die  damit  verknüpfte  Vermehrung  des  Beamtenheeres  zur  Folge
habe.  Was  als  Triumph  der  neuen  Wirtichaftspolitik  ausgerufen  werde,
sei  Einfluß  der  Steigerung  des  Wirtschaftslebens,  der  sich  überall  geltend
mache,  gleichviel  ob  in  einem  Lande  Schutzoll  oder  Freihandel  herrsche.  Sowohl
  die  Thronrede  als  die  Worte  des  Ministers  ließen  ein  großes  Ver—
trauen  auf  die  wirtschaftliche  Zukunft  nicht  erkennen,  vielmehr  seien  die
Etatssätze  so  niedrig  angesetzt.  daß  derselbe  den  Eindruck  eines  vollständigen
Überschuß-Etats  mache.  Die  3  Mill.  überschuß  aus  Holzverläufen  seien
die  glänzendste  Rechtfertigung  für  den  Widerstand  gegen  die  Holzzölle.  Das
Extraordinarium  sei  um  3  1/2  Mill.  erhöht;  die  Mittel  für  dasselbe  flössen
aus  den  Einnahmen  der  Eisenbahnverwaltung,  die  ihrerseits  ihr  Extraordinarium
  um  eine  halbe  Million  sogar  ermaßigt  habe.  Erst  müßten  die
niedersten  Klassen,  welche  durch  die  indirekten  Steuern  am  schwersten  getroffen
  würden,  entlastet  werden,  ehe  man  das  Extraordinarium  erhöhe.  Die
Emeriten  gingen  wieder  leer  aus.  Die  geplante  Steuerreform  würde  nur  zu
einer  Verschärfung  des  Mißverhältnisses  führen,  welches  die  bisherige  Aufbebung
  der  untersten  Stufen  zur  Folge  gehabt  habe.  125  Millionen  neue
Steuern  seien  im  Reiche  beschlossen;  davon  habe  Preußen  61  Millionen  erhalten
  und  21  Millionen  seien  der  ganze  Erlaß  an  Steuern,  dabei  solle  es
sein  Bewenden  haben.  Das  könne  wahrlich  nicht  Zu  einer  weiteren  Zustimmung
  zu  neuen  Steuern  ermutigen.  Die  bisherigen  Steuerreformprojekte  der
Konservativen  seien  unbrauchbar  gewesen;  es  sei  an  der  Zeit,  endlich  ein
Verwendungsgesetz  vorzulegen,  damit  man  sich  über  dasjenige  einige,  was
notwendig  sei.  Dann  würden  die  Liberalen  den  Nachweis  führen,  daß
Preußen  finanziell  stark  genug  sei,  um  seine  Bedürfnisse  zu  decken;  es  sei
daher  nicht  billigen,  daß,  wie  jetzt  beliebt  werde,  hier  Ausgaben  beschlossen
würden  und  das  Reich  dann  zur  Beschaffung  des  Geldes  genötigt  werde.
Zedliß-Reukirch  (freikonserv.)  hält  die  Klagen  der  Liberalen  über  den
verschwindenden  Steuererlaß  gegenüber  der  Höhe  der  von  den  Konservativen
bewilligten  neuen  Steuern  für  unbegründet.  Mit  der  Bewilligung  der  Steuern
zur  Deckung  des  Defizits  hätten  die  Konservativen  nur  ihre  Pflicht  gethan.
Die  Hebung  der  wirtschaftlichen  Lage  sei  nicht  trotz  der  neuen  Schutzzollpolitik,
  sondern  durch  dieselbe  eingetreten.  Eine  segenereiche  Folge  derselben
sei  auch  die  Erhöhung  der  Löhne,  wie  sie  in  den  fiskalischen  Bergwerken  eingetreten
  ist.  Nur  die  Landwirtschaft  habe  keinen  Teil  an  dem  Ausschwung
gehabt.  Er  ist  besonders  darüber  befriedigt,  daß  auch  die  Kunst  reichlich
bedacht  und  weitere  Aufwendungen  im  Interesse  der  Landwirtschaft  gemacht
würden.  Für  den  Unterricht  müssen  aber  noch  weitgehende  Aufewendungen
gemacht  werden,  da  die  Zahl  der  Analphabeten  noch  sehr  hoch  sei;  andererseits
  müsse  die  Schullast  den  Kommunen  abgenommen  werden.  Die  Mittel