6. Der preußische „Selbstdenker“ in seinem parlamentarischen
Wirken. 1849—1852
Lmn Jahre 1848 war Bismarck wenig parlamentarisch tätig
J gewesen, im wesentlichen nur in den Tagen vom 2. bis
10. April, während des zweiten Vereinigten Landtags. Im
übrigen hatte er politisch als Journalist und vor allem
als rühriger Vorkämpfer der Krone und der Macht Preußens
agitatorisch und „intriguirend“ gewirkt, weil ihn die Einbuße,
die diese zu erleiden in Gefahr waren, schmerzlich bewegte.
Anders wurde das im Jahre 1849. Jene stille Tätigkeit
spann sich zwar weiter, aber er war nun vor allem der wuchtige
Parlamentarier, der vor aller Welt seine von Wirklichkeitssinn
strotzende Tätigkeit und Arbeitskraft offenbarte. Die
durch das Wahlgesetz vom 6. Dezember 1848 geschaffene zweite
Kammer tagte vom 26. Februar bis zum 27. April 1849. Bismarck
wurde im Wahlkreis Brandenburg-Westhavelland-Zauch-Belzig
mit 161 gegen 129 Stimmen gewählt. Sein Programm
lautete: „Anerkennung der Verfassung; Verteidigung gegen
Anarchie; Gleichheit vor dem Gesetz, aber keine Abschaffung
des Adels, gleiche Verteilung der Steuern nach dem Vermögen,
soweit es erreichbar; Wahl nach Interessen; Abschaffung geldwerter
Rechte nur gegen Entschädigung; keine Verminderung
des stehenden Heeres; strenge Preß= und Klubgesetze.“ Das
war nicht das Programm eines hartgesottenen Reaktionärs und
schroffen Junkers, sondern eines Konservativen, der dem Volke
geben wollte, was seiner Meinung nach des Volkes war. Dieses
Programm muß Bismarck in Brandenburg in guten Formen
vertreten haben. Denn die Demokraten und Republikaner hörten
seine Rede mit an, und selbst die Schlimmsten verhielten sich
so ruhig, daß man die Mücken hörte, und einige von ihnen
kamen nachher Bismarck die Hände zu schütteln. Von pöbelhaften
Demonstrationen hielt sich alles mit vielem Anstand fern.