Full text : Von Potsdam nach Doorn.

Diesen  Beschluß  der  Nationalversammlung  kann  man  ohne  Übertreibung
als  eine  weltgeschichtliche  Entscheidung  bezeichnen,  denn  ihre  Folgen  und
Wirkungen  sind  ungeheure  gewesen  und  geworden  —  bis  zum  heutigen  Tage
und  in  eine  noch  nicht  absehbare  Zukunft  hinein.  Ihre  Wirkung  auf  die  Entwicklung
  der  deutschen  Verhältnisse  im  neunzehnten  Jahrhundert  ist  so
groß  gewesen,  daß  wir  nicht  an  ihr  vorübergehen  können  und  sie  eingehender
behandelt  werden  muß.

Friedrich  Wilhelm  II.  von  Preußen,  dem  in  seiner  Schwäche  alles  darauf
ankam,  als  der  ‚Gute‘  im  Gegensatz  zu  dem  harten  Druck  seines  großen
Onkels  seinen  Untertanen  zu  erscheinen,  ließ  schon  sehr  bald  nach  seiner
Thronbesteigung,  also  vor  der  Französischen  Revolution,  einen  Erlaß  erscheinen:
  es  sei  sein  Wille,  ‚daß  die  Lage  dieser  verfolgten  Nation  (der
Juden)  nach  Möglichkeit  erleichtert  werde‘.  Er  dürfte  schon  als  Prinz  von
den  Juden  bearbeitet,  vielleicht  auch  —  da  er  viel  Geld  brauchte  —  von
ihnen  finanziell  unterstützt  worden  sein.  Von  außen  gesehen,  setzte  der
König  also  selbst  die  Judenfrage  in  Bewegung.

Eine  Kommission  wurde  eingesetzt,  ein  nachher  viel  umstrittener  Bericht
herausgegeben.  Diese  kam  zum  folgenden  Ergebnis:

„Übrigens  ist  es  uns  höchst  wahrscheinlich,  daß  in  der  dritten  Generation,
etwa  nach  sechzig  bis  siebzig  Jahren,  die  Juden  in  allem  —  bis  auf  wenige,
dem  Staat  ganz  unschädliche  und  gleichgültige,  Religionsdifferenzen  —  den
Christen  durchaus  gleich  sein  werden  ;  und  alsdann  werden  auch  die  bis  dahin
noch  nötigen  Einschränkungen  gänzlich  aufgehoben  werden  können.‘

Diese  Auffassung  ist  durch  beinahe  das  ganze  neunzehnte  Jahrhundert
hindurchgegangen:  als  Nation  würden  die  Juden  verschwinden  und,  in  Beziehung
  auf  den  Staat,  nach  einigen  Generationen  den  Christen  gleich  sein.  —

Zur  Staatsauffassung  wurde  die  verhängnisvolle  Gegenüberstellung:
Christen  —  Juden;  nicht,  wie  heute,  im  Nationalsozialismus:  Deutsche
—  Juden.  Es  begann  die  jüdische,  mit  allen  Mitteln  arbeitende  Propaganda.
Die  Juden  sahen:  die  Frage  war  geöffnet  worden.  Jetzt  mußte  auf  jede
Weise  volle  staatsbürgerliche  Gleichberechtigung  erreicht  werden.

Die  Emanzipation  der  Juden  in  Frankreich  gab  einen  enormen  Antrieb
und  Auftrieb  für  die  jüdischen  Bestrebungen  in  allen  europäischen  Ländern.
Friedrich  Wilhelm  wurde  auf  diese  von  seinen  jüdischen  und  judenfreundlichen
  Beratern  hingewiesen  :  weitere  Zugeständnisse  seien  notwendig,  weil
die  französischen  Revolutionsarmeen  in  die  Rheinlande  eingebrochen  waren
und  die  dortigen  Juden  eranzipiert  hatten.  Trotz  gegenseitiger  Warnungen
der  jüdisch  ausgewucherten  Bevölkerung  befahl  der  König  weitere  Förderung
des  Reformplanes,  um  ‚endlich  eine  Sache  zustande  zu  bringen,  die  in  anderen
  Ländern  längst  zustande  gebracht  worden  ist‘““.  —  Diese  Rücksicht-62