Bollskrankheiten u. Volksmedizin. 887
Art glühend heiß zu verschlingen, dem auf dem Lande lebenden Arzte am
häufigsten zur Beobachtung kommen, aber leider bei der unabänderlich festgehaltenen
Nahrungsweise, der Behandlung auf die Dauer unzugänglich werden.
In den Wohnungs-Verhältnissen ist mit der steigenden Wohlhabenheit
im Allgemeinen ein entschiedener Umschlag zum Besseren eingetreten;
nur in den ärmsten Bezirken des Kreises, in den Landgerichten Bissingen,
Monheim und Neuburg a. D. sind die Wohnungen zum größeren Theile
noch unbefriedigend, ja nicht selten so schlecht und gesundheitswidrig angelegt,
daß es geradezu unerklärlich erscheint, wie nur Menschen in solchen
Räumen zu leben vermögen. Der leitende Grundgedanke bei der Construirung
dieser Hütten zielt eben lediglich darauf ab: „wenn's nur warm ist“,
warm für Menschen und Vieh — und diesem Principe wird alles Andere
geopfert. Ueberhaupt grenzt das Verhalten unserer Landleute in letzterer
Beziehung gegenüber den Temperatur-Verhältnissen — natürlichen und insbesondere
künstlichen — an das Unbegreifliche, und wenn je, so bewährt sich
bei unserem schwäbischen Landvolke der von einem erst kürzlich verstorbenen
genialen Arzte aufgestellte Satz: „die Stubenhitze kann man als Thermometer
der Bildung anschauen; je ungebildeter der Mensch, desto heißerer Oefen bedarf
er“. Die Nacht, „das halbe Leben und die schönste Hälfte zwar“, wird in
bergartig aufgethürmten Federbetten zugebracht, gleichviel ob Januar ist oder
Juli, und das Glück der Ehe erhöhen auch in dieser Richtung die bekannten
„Himmel“ (1)-Bettstätten; nicht minder muß die gemeinschaftliche Wohnstube,
wenn anders der Aufenthalt in derselben „erträglich“ sein soll, bis in den
Hochsommer hinein den ganzen Tag über bei strenggeschlossenen Fenstern bis
zu M+25—28° R. wenigstens durch Heizen erwärmt sein. Bleischwere Filzhüte,
dichte „Flor“-Halstücher, rothtuchene, bis zum Halse zugeknüpfte Westen,
lange Tuchröcke, der unvermeidliche Mantel, Lederhosen und bis über die
Kniee reichende, möglichst anliegende Stiefel werden in einer Temperatur
von — 28° ebenso gerne und mit gleichem Behagen getragen, wie bei einem
Thermometerstande von 20° unter 0. Bei der Feldarbeit wird dergleichen
nun wohl abgelegt, man könnte aber fast meinen, nicht der Hitze wegen, sondern
weil dabei derlei „Staat“ denn doch nicht taugt und die freiere Bewegung
hindert. Wie aber der Sonntag den einzigen Freudetag unseres überaus
arbeitsamen Volkes bildet, so erreicht an ihm auch das Vergnügen im
eigenen Schweiße zu schmoren, seinen Höhepunkt Abends in der glühend
heißen Stube des Dorf-Wirthshauses, wo dicht zusammengedrängt ein warmer
Haufen von Bauern sitzt, den Hut oder die Pelzmütze („Pudelkappe“) auf
dem Kopfe, den bleischweren Mantel, als zum Sonntags-„Staate“ gehörig,
nicht ablegend, in den dicksten Tabaksqualm sich begräbt und dabei sichtbarlich
auf dem Gipfel menschenmöglicher Behaglichkeit sich befindet.
Solche Leute sind natürlich gegen das, was einem Gebildeten als unerträgliche
Unbequemlichkeit erscheinen muß, ganz unempfindlich. Man sieht