Full text : Bavaria. Landes und Volkskunde des Königreiches Bayern.

Bolkskrankheiten  u.  Volksmedizin.  885

sämmtliche  Fälle  waren  unheilbar  und  endeten  nach  dem  Verlaufe  einiger
Jahre  mit  dem  Tode.  Das  ersprießliche  Wirken  der  auf  der  Höhe  der  Zeit
und  der  Wissenschaft  stehenden  Kreis-Irren-Anstalt  Irsee  hat  auch  unter  der
ländlichen  Bevölkerung  Schwabens  die  früheren  Vorurtheile  gegen  FIrren-Asyle
  —  und  sicher  nur  zum  Glücke  der  armen  Irren  —  fast  gänzlich  verdrängt.
  Während  noch  vor  gar  nicht  langer  Zeit  die  „Heilversuche“  bei
Geisteskrankheiten  ausschließlich  auf  Exorcismus  und  eine  nach  Umständen
wiederholt  dargereichte,  ergiebige  Tracht  Prügel  sich  beschränkten,  werden
jetzt  derlei  Kranke  von  ihren  Angehörigen  —  wenn  anders  die  Mittel  es  erlauben
  —  sofort  vertrauensvoll  der  Anstalt  zugeführt.  Die  Kreis-Irren-Anstalt
  Irsee  behandelt  und  verpflegt  des  Jahres  durchschnittlich  230  Geisteskranke
  des  Regierungsbezirkes  und  ihre  Räume  sind  der  Art  in  Anspruch
genommen,  daß  kaum  eine  größere  Anzahl  untergebracht  werden  könnte.
II.  Sterblichkeit.

In  Schwaben  und  Neuburg  sterben  durchschnittlich  jährlich  18030  Menschen
  und  zwar  9191  männlichen  und  8839  weiblichen  Geschlechtes,  also  ein
Mensch  von  32  oder  es  sterben  31,,  von  Tausend.  Erschreckend  groß  ist  die
Mortalität  im  ersten  Lebensjahre:  46,,  Proc.]  Vom  1.  bis  5.  Lebensjahre
sterben  8,,  Proc.,  so  daß  nach  fünf  Jahren  schon  mehr  als  die  Hälfte  der
Geborenen,  54,,  Proc.  gestorben  ist!  In  den  folgenden  Jahren,  vom  5.  bis
10.  Lebensjahre  beträgt  die  Sterblichkeit  2,  Proc.  und  sinkt  im  2.  Dezennium
  auf  1,  Proc.  herab;  im  nächsten  Dezennium  steigt  die  Mortalität  auf
3,,  Proc.,  im  darauffolgenden  auf  4,,  Proc.,  zwischen  dem  40.  und  50.  Lebensjahre
  auf  4,  Proc.,  im  sechsten  Dezennium  auf  6,,,  im  siebenten  auf
9,  Proc.,  sinkt  im  achten  auf  8,„,  im  neunten  auf  30%0  Proc.  und  ein  Alter
von  90  und  darüber  erreichen  nur  O,  von  100  Verstorbenen.  Die  größten
Zahlen  für  die  Sterbelisten  liefern  (außer  der  bereits  obenerwähnten  Lungen-Tuberculose
  mit  15%00  Proc.)  die  Convulsionen  („Gichter“,  „Fraisch“)  und
Hydrocephalus  21,:  Proc.,  der  jährlichen  Sterbefälle,  Lebensschwäche  81/,
Altersschwund  7,#8,  Vereiterung  mit  Brand  6,,,„  Wassersucht  6),,  Entzündung
  6,)6  und  Apoplexie  4106  Proc.  Die  kleinsten  Ziffern  zur  Sterbeliste
liefern  Selbstmord  (0,#.  Proc.),  dann  Tödtung  und  Hinrichtung  O8  Proc.

Die  Ursachen,  warum  Morbilität  und  Mortalität  der  ländlichen  Bevölkerung
  Schwabens  nicht  günstiger  sind,  liegen  vorzugsweise  in  dem  Mangel
einer  naturgemäßen  Gesundheits-Pflege.  Schon  die  Nahrungsweise
ist  eine  mangelhafte.  Trotz  der  Wohlhabenheit,  deren  sich  die  Bevölkerung
unsers  gesegneten  Kreises  zu  ihrem  größten  Theile  erfreut,  ist  ihr  ein  behaglicher
  Genuß  des  Daseins  eine  fremde,  unbekannte  Sache.  Es  wird  wohl
von  jungen  Burschen  an  Sonntagen  im  Wirthshause  hie  und  da  mit  Thalern
  geprahlt  und  um  Gulden  gespielt,  der  Bauer  trägt  Viertelskronen  oder
doch  wenigstens  „Muttergottes-Zwanziger“  als  Knöpfe  in  der  Weste,  die
Bäuerin  und  ihre  Töchter  zeigen  sich  überladen  mit  schweren  seidenen  Klei-