Full text : Protokolle der im October 1873 im Königlich Preußischen Unterrichts-Ministerium über verschiedene Fragen des höheren Schulwesens abgehaltenen Conferenz.

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gegeben  werden,  daß  Jemand  auch  ohne  Griechisch  auf  juristischem
Gebiete  Großes  leisten  könne;  allein  das  Griechische  fördere  doch
die  sittliche  und  geistige  Bildung  in  so  hohem  Maße,  daß  dessen
Beseitigung  eine  schwere  Schädigung  der  Gymnasialbildung  einschließen
  würde.

Trotzdem  aber,  daß  das  Gymnasium,  wenn  es  seine  Pfllicht
erfülle,  in  Mathematik  und  Naturwissenschaften  so  viel  leiste,  daß
es  sich  mit  den  gleichen  Classen  der  Realschule  wohl  messen  könne,
sei  es  doch  nicht  für  die  gesammte  höhere  Bildung  als  ausreichend
anzusehen.  Das  Gymnasium  sei  bestimmt  zur  Vorbildung  für
alle  Universitätsstudien.  Es  gebe  aber  auch  Gebiete,  welche  in  der
Höhe  der  wissenschaftlichen  Ansprüche  dem,  was  auf  der  Universität

elehrt  werde,  nicht  nachständen,  nämlich  die  Fächer  der  wissenschaftichen
  Technik.  Für  diese  reichten  die  Gymnasien  nicht  aus,  und  deshalb
  sei  eine  Zweitheilung  der  höheren  Bildungsanstalten  nothwendig.

Von  anderer  Seite  (Jäger)  wurde  wiederum  betont,  daß  die
leitenden  Classen  des  Volkes  das  Bedürfniß  haben,  sich  auf  der
Grundlage  einer  gemeinsamen  Bildung  zu  verständigen.  Mithin
müsse  die  Realschule,  wenn  dieselbe  nach  Gründung  der  Mittelschulen
  und  nach  Abgabe  eines  großen  Theiles  ihrer  Schüler  an
dieselben  noch  lebensfähig  bleiben  wolle,  mehr  Fühlung  mit
dem  Gymnasium  suchen,  und  zwar  auf  der  Basis  des  Lateinischen,
welches  gegenwärtig  auf  der  Realschule  nicht  den  ihm  gebührenden
Platz  eines  wissenschaftlichen  Faches  ersten  Ranges  einnehme,
sondern  so  behandelt  werde,  daß  die  Forderungen,  anstatt  sich  mit
jeder  Classe  zu  steigern,  mit  jeder  Classe  herabgestimmt  werden
müßten.  Die  hie  und  da  bestehende  Einrichtung,  nach  welcher  der
Stundenplan  der  Sexta  und  Ouinta  beider  Anstalten  identisch  sei,
müsse  zur  allgemeinen  Einrichtung  erhoben  und  noch  weiter  auf
höhere  Classen  ausgedehnt  werden.  Der  alleinige  Unterschied
zwischen  Gymnasial=  und  Real-Bildung  sei  in  das  Griechische  zu
verlegen,  so  daß  die  Gymnasien  das  Griechische  neben  dem  Latei—
nischen  hätten,  die  anderen  Anstalten  nur  das  Lateinische.  Auf  diese
Weise  sei  die  Trennung  beider  Schulen  auf  das  Unerläßliche  zu
beschränken.

Dieser  Vorschlag  wurde  als  ein  Zurückgehen  auf  eine  höchst
unvollkommene  Schulform,  überdies  auch  als  unausführbar  bezeichnet
  (Ostendorf,  Gandtner).  Insbesondere  wurde  bemerkt,
daß  die  Zeit,  welche  die  eine  Art  der  Schüler  auf  das  Griechische
verwendeten,  für  die  anderen  doch  durch  irgend  etwas  ausgefüllt
werden  müsse.  Dies  letztere  möge  aber  sein  was  es  wolle,  so
werde  durch  eine  solche  Einrichtung  eine  durchgreifende  Verschiedenheit
  herbeigeführt;  es  werde  dann  wiederum  zwei  wesentlich  verschiedene
  Arten  von  Schülern  geben  und  das  angestrebte  Ziel  einer
Einheit  der  Bildung  werde  auf  diese  Weise  nothwendig  verfehlt.