Full text : Europäischer Geschichtskalender. Dreiundzwanzigster Jahrgang. 1882. (23)

310  Pie  chkerreichisch-ugarische  Monarcie.  (Ang.  18.  10.)

auch  selbst  die  Ziffer  von  100  Köpfen  zu  erreichen,  tauchen  heute  da  und
morgen  dort  auf,  beunruhigen  die  Militärposten,  die  einsam  liegenden  Ortschaften
  und  die  Feld-  und  Straßenarbeiter,  rauben  und  plündern,  um  sich
bei  Annäherung  der  Truppen  nach  etlichen  mit  ihnen  gewechjelten  Schüssen
gegen  die  Grenze  zurückzugiehen,  in  allerlei  Schlupfwinkeln  zu  verschwinden
und  nach  kurzer  Zeit  neuvereinigt  an  einem  anderen  Punkt  das  gleiche
Treiben  von  vorn  wieder  zu  beginnen.  Die  zahlreichen  und  umsichtigen
Streifungen  der  in  ihrer  Ausdauer  wahrhaft  zu  bewundernden  Truppen
haben  zwar  den  Erfolg,  daß  dieser  Brigantaggio  sich  wirgeng=  einzunisten
vermag;  allein  eine  Ansrottung  des  Unwesens  mit  der  Wurzel  ist  bis  zum
heutigen  Tag  ungeachtet  aller  angewendeten  Mühe  und  Energie  nicht  geglückt,
  und  dasselbe  scheint  der  Anstrengungen  zu  seiner  Bewältigung  noch
auf  lange  Zeit  hinans  spotten  zu  sollen.

18.  August.  (Böhmen.)  Die  Negierung  ernennt  eine  Angahl
  Professoren  an  die  philosophische  Fakultät  der  cgechischen  Universität
  Prag.  Die  Czechen  hoffen  und  erwarten,  daß  diese  wenigstens
bez.  der  juridischen  und  philosophischen  Fakultät  noch  in  diesem  Jahr
werde  eröffnet  werden.

18.  August.  (Triest.)  Die  Polizei  entdeckt  und  vereitelt  dadurch
ein  neues  Bombenattentat,  das  von  Venedig  aus  ins  Werk  gesetzt  werden
  wollte.  Eine  Kiste  mit  zwei  Bomben  und  zahlreichen  in  Venedig
gedruckten  Proklamationen  wird  saisiert.  Die  Irredenta  scheint  nicht
zu  ruhen,  um  Triest  zu  kompromittieren,  den  Erfolg  der  Ausstellung
zu  hintertreiben  und  die  Österreichisch-Gesinnten  einzuschüchtern.  Die
Erbitterung  gegen  die  Irredenta  ist  in  ganz  Österreich  nachgerade
ein  sehr  intensive.

19.  August.  (Ungarn.)  Der  Honvedminister  v.  Szende  #.
Derselbe  bekleidete  die  Stelle  seit  1872  und  gehörte  als  solcher  allen
Ministerien  seither  an.  Er  organisierte  die  Honvedarmee,  deren  heutige
  Ausbildung  und  Tüchtigkeit  hauptsächlich  sein  Verdienst  ist;  er
betrachtete  und  behandelte  sie  aber  nur  als  einen  organischen  Teil
der  Gesamtarmee  des  Reichs  und  widerstand  allen  weitergehenden
Forderungen  der  äußersten  Linken.

19.  August.  (Ssterreich.)  Die  neue  „deutsche  Volkspartei",
welche  die  deutsch-liberale  Vereinigte  Linke  sprengen  oder  abbröckeln
soll,  stößt  auch  in  den  Provinzen  auf  Mißtrauen  und  Widerstand.

Sie  rechnete  zum  Teil  offenbar  auf  die  Eifersucht  der  deutschen
Alpenländer,  besonders  Steiermarks,  gegen  die  führende  Slellung,  welche
die  böhmischen  Politiker  wie  Herbst  u.  A.  im  Verband  der  Vereinigien
Linlen  einnehmen.  Diese  Hoffnung  scheint  nun  zu  zgersplittern.  Der  bedeutendste
  Vertreter  der  neuen  Partei,  Frhr.  v.  Wallerskirchen,  erhält  vom

Hauptorte  seines  Wahlbezirkes,  der  Stadt  Judenburg,  ein  förmliches  Mißtrauensvotum.


—  August.  (Ungarn.)  Die  angebliche  Ermordung  des