Full text : Medizinal-Statistische Mittheilungen aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte. Erster Band. (1)

—  265  —

Störungen  des  Impfgeschäfts,  durch  Witterungsverhältnisse  bedingt,  haben
im  Allgemeinen  in  nur  unerheblichem  Maße  stattgefunden.  Hie  und  da  diente
nasses,  regnerisches  oder  stürmisches  Wetter  als  Entschuldigung  für  Nichtgestellung  von
Impfpflichtigen.  Auch  verursachte  der  Austritt  des  Oueis  in  einem  Orte  des  Kreises
Lauban,  sowie  die  Hochfluth  der  Elbe  im  Bezirke  Dresden-Land  eine  Unterbrechung
des  Impfgeschäfts.  Im  Ganzen  hat  jedoch  die  kühle  Witterung,  welche  während  der
Hauptimpfzeit  vorherrschte  und  wiederholt  eine  künstliche  Erwärmung  der  Impfräume
nöthig  machte,  einen  günstigen  Einfluß  auf  die  Entwicklung  der  Pusteln  ausgeübt.

Ansteckende  Krankheiten,  insbesondere  Masern,  Scharlach,  Diphtherie
und  Keuchhusten  haben  in  fast  allen  Bundesstaaten,  auch  in  allen  preußischen  Regierungsbezirken
  mehr  oder  weniger  große  Störungen  des  Impfgeschäfts  veranlaßt.
Abgesehen  von  dem  Aufschub,  den  die  Impftermine  (in  einem  Dorfe  des  Kreises  Naumburg
  sogar  die  Nachschau)  durch  den  Ausbruch  jener  Krankheiten  häufig  erlitten,  konnte
in  einer  nicht  geringen  Zahl  von  Ortschaften  wegen  andauernden  Herrschens  derselben
das  Impfgeschäft  im  Berichtsjahre  überhaupt  nicht  zur  Ausführung  gelangen.  Andernorts
  mußten  aus  dem  genannten  Grunde  nur  Erstimpfungen  auf  das  nächste  Jahr
verschoben  werden.  Dort,  wo  die  genannten  Krankheiten  nur  geringe  Ausbreitung
gefunden  hatten,  wurden  allein  die  aus  infizirten  Häusern  stammenden  Impflinge  von
den  Terminen  ferngehalten.

Windpocken  störten  in  einzelnen  Orten  der  Reg.-Bezirke  Gumbinnen,  Potsdam,
Köslin  und  Oppeln,  im  Glauchauer  Bezirk  und  im  Kreise  Gießen  etwas  den  Verlauf
des  Impfgeschäfts.  Wegen  des  Herrschens  von  Blattern  im  Kreise  Heydekrug  hielt
man  es  für  angezeigt,  die  Impfung  in  4  Ortschaften  um  vier  Wochen  zu  verschieben.
Eine  Epidemie  von  Lungenentzündung  veranlaßte  die  Fernhaltung  der  Impfpflichtigen
  eines  Ortes  des  Kreises  Darkehmen  vom  Impftermin,  Ruhr  die  Verschiebung
des  Geschäfts  in  Lenzen,  Reg.-Bez.  Potsdam.  Zufolge  einer  Typhus-Epidemie  erlitten
  in  3  Impfdistrikten  des  Medizinalbezirks  Döbeln  und  in  Neustadt  a.  d.  Haide
(Sachsen-Koburg-Gotha)  die  Impfungen  eine  Verzögerung.  Endlich  veranlaßten  in
größerer  Zahl  auftretende  Magen=  und  Darmerkrankungen  den  Amtsarzt  von
Weiden  (Reg.-Bez.  Ober-Pfalz)  für  jene  Kinder,  welche  während  der  Impfzeit  erkrankt
waren,  noch  einen  Nachtermin  abzuhalten.

Eine  Verbreitung  ansteckender,  Krankheiten  durch  das  Impfgeschäft  hat  nach
den  Berichten  nirgends  stattgefunden,  wenigstens  sind  Uebertragungen  den  Impfärzten
nicht  bekannt  geworden.

Die  Impftechnik.  Die  Operation,  mittelst  welcher  geimpft  wurde,  ist  immer
mehr  überwiegend  der  einfache  Schnitt  gewesen,  und  nur  noch  vereinzelt  kamen  der
Stich  oder  komplizirtere  —  kreuz=  oder  gitterförmige  oder  kritzelnde  —  Schnittverwundungen
  zur  Amvendung,  der  Stich  fast  nur  bei  Benutung  menschlicher  Lymphe.
Im  preußischen  Kreise  Pillkallen  wurden  des  Vergleichs  wegen  bei  Verimpfung
thierischen  Impfstoffs  neben  anderen  Impfwunden  an  demselben  Impflinge  auch  Stiche
gemacht,  wobei  sich  angeblich  ein  günstigerer  Erfolg  als  beim  Schnitt  herausgestellt
hat.  Aus  dem  Reg.-Bez.  Magdeburg  wird  über  eine  Impfweise  durch  Schnitt  „mit
nachfolgendem  Schaben"“  und  durch  Kratzen  berichtet;  die  erstere  soll  eine  Entzündung
in  der  Umgebung  der  Impfpusteln  im  Gefolge  gehabt  haben.  Der  gerade  oder  schiefstehende
  Kreuzschnitt  war  in  Bayern  während  des  Berichtsjahres  noch  vielfach  im  Gebrauche.


Als  Instrumente  wurden  immer  mehr  einfache  Messer  von  der  Form  der
Skalpelle  oder  auch  Lanzetten  benutzt,  Nadeln  fast  nur  noch  zum  Stich  bei  Verimpfung
von  Menschenlymphe.  Vereinzelt  findet  der  Gebrauch  einer  Impffeder  oder  —  in  den