Februar 1905. 157
Und deshalb hoffe ich, daß die Beratungen dieses Hohen Hauses getragen
sein mögen von jenem Geiste der Besonnenheit und Mäßigung, den ich
allen, allen Teilen im Ruhrgebiet nochmals ans Herz lege.
(Lebhafter Beifall.)
20. Einbriugung der Handelsverträge.
Sitzung des Reichstages vom 1. Febrnar 1905.1)
Am 1. Februar 1905 konnte der Reichskanzler die Zusatzverträge zu den
Handels-, Zoll= und Schiffahrtsverträgen mit sieben Staaten und zu dem Viehsenchenübereinkommen
mit Osterreich-Ungarn dem Reichstage zur verfassungsmäßigen
Beratung vorlegen. Er tat das mit der nachfolgenden Rede.
Reichskanzler Graf von Bülow:
Meine Herren, ich habe die Ehre, diesem Hohen Hause Zusatzübereinkommen
zu den mit Italien, Belgien, Rußland, Rumänien, der
Schweiz, Serbien und Osterreich-Ungarn bestehenden Handelsverträgen
nebst den dazu gehörigen Denkschriften zur verfassungsmäßigen Beschlußfassung
vorzulegen. Die verbündeten Regierungen hoffen, daß Sie,
meine Herren, diesen Ubereinkommen Ihre Zustimmung erteilen und
damit ein Werk, das die finanzielle, wirtschaftliche und politische Zukunft
des Reichs von fundamentaler Bedeutung ist, einem glücklichen Abschluß
entgegenführen werden.
Ich habe nicht die Absicht, heute auf die Einzelheiten dieser Verträge
einzugehen. Jede gewünschte nähere Auskunft werden die Herren
Staatssekretäre und ihre Kommissare bereitwillig erteilen. Uber die
allgemeinen wirtschaftspolitischen Ziele, die wir bei der Erneuerung unserer
Handelsbeziehungen zum Auslande verfolgen, habe ich mich mehr als
einmal und eingehend von dieser Stelle aus ausgesprochen, und ich
möchte mich heute auf die nachstehenden Gesichtspunkte beschränken.
Wer auf die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands zurückblickt,
wird sich der Uberzengung nicht verschließen können, daß Industrie und
Handel während der letzten Jahrzehnte an Umfang und an Bedentung
sehr erheblich zugenommen haben. Unter dem Schutz des Tarifs von
1879 und seiner Ergänzungen erstarkte allmählich die deutsche Industrie
1) Sten. Ber. d. R.-T., 11. Leg.-Per., I. Session 1903.05, 131. Sitzung.