Kanzlerschaft zu betrauen. Er hatte beim Ausbruch des Krieges
1870 als bayerischer Minister durchgesetzt, daß Bayern an Preußens
Seite trat. Seitdem wurde er vom Fürsten Bismarck wegen seiner
Reichstreue hochgeschätzt. Man konnte erwarten, daß diesem Nach—
folger gegenüber des Fürsten Gegnerschaft nachlassen werde. Diese
Kanzlerwahl war also stark beeinflußt durch die Rücksicht auf die
Person des Fürsten Bismarck und die von ihm inspirierte öffentliche
Meinung.
Fürst Hohenlohe war der Typus des alten vornehmen Grand-
seigneurs. Sehr urban in seinem ganzen Wesen und in seinen
Umgangsformen, von seinem Geist, der einen leichten Beigeschmack
von seiner Ironie zuweilen durchblicken ließ, durch sein Alter ab-
geklärt, ein kühler Beobachter und Beurteiler der Menschen. Trotz
unserem großen Altersunterschiede hat er sich sehr gut mit mir ein-
gelebt. Das wurde auch äußerlich dadurch betont, daß er sowohl
von der Kaiserin wie von mir als Dheim behandelt und angeredet
wurde, wodurch sich eine gewisse Atmosphäre von familiärer Ver-
traulichkeit beim Beisammensein um uns wob. In seinen Gesprächen
mit mir, besonders bei Beurteilung von Beamten für die Stellen-
besetzungen, gab er sehr charakteristische Schilderungen der betreffen-
den Herren, oft mit philosophischen Betrachtungen verbunden, die
eine tiefe Reflexion über das Leben als solches und über die Men-
schen in ihm verrieten und die auf Lebenserfahrung begründete Reife
und Weisheit des höheren Alters zeigten.
In die erste Zeit der Kanzlerschaft Hohenlohes fällt ein Vorfall,
der auf die Beziehungen zu Frankreich und Rußland ein inter-
essantes Licht wirft. Als ich zur Zeit der russo-französischen Ver-
brüderungen durch den Generalstab wie durch die Botschaft in Paris
sichere Nachrichten erhalten hatte, daß Frankreich beabsichtige, seine
Truppen aus Algier zum Teil zurückzuziehen, um sie in Südfrankreich
entweder gegen Italien oder gegen das Elsaß zu dislozieren, machte
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