fullscreen: Ereignisse und Gestalten 1878-1918

Kanzlerschaft zu betrauen. Er hatte beim Ausbruch des Krieges 
1870 als bayerischer Minister durchgesetzt, daß Bayern an Preußens 
Seite trat. Seitdem wurde er vom Fürsten Bismarck wegen seiner 
Reichstreue hochgeschätzt. Man konnte erwarten, daß diesem Nach— 
folger gegenüber des Fürsten Gegnerschaft nachlassen werde. Diese 
Kanzlerwahl war also stark beeinflußt durch die Rücksicht auf die 
Person des Fürsten Bismarck und die von ihm inspirierte öffentliche 
Meinung. 
Fürst Hohenlohe war der Typus des alten vornehmen Grand- 
seigneurs. Sehr urban in seinem ganzen Wesen und in seinen 
Umgangsformen, von seinem Geist, der einen leichten Beigeschmack 
von seiner Ironie zuweilen durchblicken ließ, durch sein Alter ab- 
geklärt, ein kühler Beobachter und Beurteiler der Menschen. Trotz 
unserem großen Altersunterschiede hat er sich sehr gut mit mir ein- 
gelebt. Das wurde auch äußerlich dadurch betont, daß er sowohl 
von der Kaiserin wie von mir als Dheim behandelt und angeredet 
wurde, wodurch sich eine gewisse Atmosphäre von familiärer Ver- 
traulichkeit beim Beisammensein um uns wob. In seinen Gesprächen 
mit mir, besonders bei Beurteilung von Beamten für die Stellen- 
besetzungen, gab er sehr charakteristische Schilderungen der betreffen- 
den Herren, oft mit philosophischen Betrachtungen verbunden, die 
eine tiefe Reflexion über das Leben als solches und über die Men- 
schen in ihm verrieten und die auf Lebenserfahrung begründete Reife 
und Weisheit des höheren Alters zeigten. 
In die erste Zeit der Kanzlerschaft Hohenlohes fällt ein Vorfall, 
der auf die Beziehungen zu Frankreich und Rußland ein inter- 
essantes Licht wirft. Als ich zur Zeit der russo-französischen Ver- 
brüderungen durch den Generalstab wie durch die Botschaft in Paris 
sichere Nachrichten erhalten hatte, daß Frankreich beabsichtige, seine 
Truppen aus Algier zum Teil zurückzuziehen, um sie in Südfrankreich 
entweder gegen Italien oder gegen das Elsaß zu dislozieren, machte 
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