Full text : Deutsches Kolonialblatt. XXIII. Jahrgang, 1912. (23)

Knprema  lex  regis  voluntas.  Motites  Tod.  Die  „Bismarck-Woche“  (1882.  600

österreichischen  Bündnisses.  Aber  nicht  minder  stürmisch  als  in  Nord=  und  Mitteldemschland
  und  in  Osterreich,  ward  der  Fürst  im  Süden  unseres  Vaterlandes,  in
Bayern,  umjubelt  und  gefeiert,  im  katholischen  München,  im  protestantischen  Augsburg,
im  sränkischen  Kissingen,  an  jeder  Haltestelle  seiner  Neise.  Dem  König  von  Sachsen  und
dem  Prinzregenten  von  Bayern  hatte  der  Fürst  schon  von  Friedrichsruh  aus  angezeigt,
daß  sein  Aufenthalt  in  Dresden  und  München  zu  kurz  sein  werde,  um  eine  Andienz
nachzusuchen.  Und  beide  Herrscher  hatten  darauf  in  gnädigen  Handschreiben  geantwortet.
  Dagegen  mußte  Fürst  Bismarck  sich  im  höchsten  Grade  verletzt  und  beleidigt
fühlen,  als  ihm,  offenbar  infolge  eines  Winkes  ans  Berlin,  die  in  Wien  beim  Kaiser  von
Osterreich  nachgesuchte  Andienz  verweigert  wurde;  bei  einem  Herrscher,  mit  dem  Fürst
Bismarck  seit  vierzig  Jahren  in  amtlichen  und  persönlichen  Beziehungen  gestanden
hatte,  und  der  gegen  ihn  stets  freundlich  und  gnädig  gewesen  war.  Auch  die  plötzliche
Absage  des  deutschen  Botschafters  Prinzen  Reuß  in  Wien  und  der  übrigen  Herren
der  deutschen  Botschaft,  welche  zur  Hochzeit  geladen  waren  und  bereiks  angenommen
hatten,  konnte  nur  auf  direkte  Einwirkung  von  Berlin  erfolgt  sein.  Dem  gerechten
Groll  über  diesen  schweren  persönlichen  Unglimpf,  diese  gesellschaftliche  Achtung  durch
die  Regierung  des  Cnkels  Kaiser  Wilhelms  des  Alten,  gab  Fürst  Bismarck  einen
seiner  titanischen  Natur  entsprechenden  Ausdruck.  Vor  einem  Berichterstatter  der  „Neuen
Freien  Presse“  in  Wien  und  der  „Allgemeinen  Zeitung“  in  München  verurteilte  er  die
ganze  Politik  des  neuen  Kurses  schonungslos  (s.  S.  680).  Da  blieb  kein  guter  Faden
übrig;  salsch  waren  die  Ideen,  unfähig  die  Männer,  stümperhaft  die  Ausführung.
Ungeheures  Aussehen  erregten  diese  Aussprachen.  Weitaus  überwiegend  war  die  Zustimmung
  der  öffentlichen  Meinung,  der  Presse  des  In=  und  Auslandes,  selbst  der
englischen.  So  sagte  das  führende  Blatt  der  nationalen  Partei  Württembergs,  der
„Schwäbische  Merkur“,  unter  der  Uberschrift:  „Die  Bismarck-Woche“:

„Fürst  Bismarck  ist  nun  am  Kissinger  Heilquell  angelangt;  seine  Reise  ist  dami#t  zu  Ende,  und
die  Thatsache  steht  fest:  er  ist  heute  noch  der  populärste  oder  vielmehr  der  einzige  wirllich  popnkäre
  Mann  Deulschlands;  es  gibt  keinen  andern,  dessen  Ankunft  ein  Ereignis  von  so  durchschla.
gender  und  lange  nachzitternder  Wirkung  ist;  keinen,  bei  dessen  Nahen  es  heißt:  Das  Vokk  sieht
auf,  der  Sturm  bricht  los!  Wer  das  nicht  glaubl,  wer  sich  für  ebenso  populär  hält  oder  für  noch
populärer,  nun,  der  mag  die  Probe  einmal  machen....  Da  wird  der  Wunsch  immter  inniger  und
dringlicher,  das  trotz  aller  entgegenilehenden  Schwierigkeilen  der  unleidliche  und  geradezu  gefähr
liche  Zustand,  der  jetzt  besteht,  beseitigt  werde,  daß  endlich  ein  Ansgleich  zwischen  dem  Kaiser
und  seinem  früher  von  ihm  selbst  so  hochgehaltenen  Kanzler  folgen  möge,  der  ohne  die  ihm
widerfahrene  anscheinende  Geringschätzung  so  manches  herbe  Wort  nicht  gesprochen  hätte!“

Die  deutschfreisinnige  und  ultramontane  Presse  aber  schrie  über  angeblichen
„Landesverrat“  des  Fürsten,  und  das  Blatt,  das  er  ehedem  fein  Blatt  naunke,  und
das  nun  seinem  Nachfolger  diente,  die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“,  überbot
dieses  Geschrei  sast  noch  durch  die  Anschuldigung:  „Die  Nußerungen  Bismarcks  verletzten
  das  monarchische  Gesühl  und  die  Ehrfurcht  vor  dem  Kaiser.“  Für  den  Fall
aber,  daß  Bismarck  sich  des  Redens  nicht  enthalten  könne,  wurde  ihm  hier  ziemlich
unverblümt  mit  dem  Staatsamwalt  gedroht.  Dann  aber  solgte  eine  noch  bei  weilem
schmachvollere  Behandlung  des  verdientesten  deutschen  Mannes.  Denn  nach  einer