Full text : Die Hohenzollern und das Reich. Band 3. (3)

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Der  Rheinbund,  das  Königreich  Westfalen  blieben  bestehen.  Von  den  hohen
Zielen,  für  die  Preußen  die  Waffen  ergriffen  und  bereits  so  große  Opfer  gebracht
  hatte,  von  einer  Wiederherstellung  des  Reiches  aus  dem  ureigenen  Geiste
des  deutschen  Volkes,  wic  sie  die  Proklamation  von  Kalisch  verheißen,  war  nicht  die
Rede.  Wenn  der  Staatskanzler  von  Hardenberg  trotzdem  zur  Annahme  des  Vertrages
  von  Reichenbach  riet  und  ihn  als  preußischer  Bevollmächtigter  unterzeichnete,
so  geschah  es  wohl  in  der  zuversichtlichen  Erwartung,  daß  Napoleon  auch  diese
äußerst  gemäßigten  Forderungen  verwerfen  würde,  und  weil  er  für  diesen  Fall
den  Verbündeten  die  materielle  Hilfe  der  österreichischen  Armee  sichern  wollte.

Graf  Metternich  forderte  nun  Napoleon  noch  einmal  auf,  die  österreichische
Friedeusvermittelung  auf  diesen  Grundlagen  anzunehmen,  ja,  er  begab  sich
selbst  nach  Dresden,  um  zu  erfahren,  was  für  Osterreich  ohne  Schwertschlag  von
dem  französischen  Kaiser  noch  zu  erlangen  sei.

In  dem  Palaste  Marcolini  zu  Dresden  fand  jene  denkwürdige  Unterredung
  zwischen  Napoleon  und  Metternich  statt  (28.  Juni),  die  entscheidend
wurde  für  die  Rolle,  welche  demnächst  Osterreich  in  dem  deutschen  Befreiungskriege
  spielte.  Napoleon  war  empört  über  die  Stellung,  welche  Kaiser  Franz
jetzt  ihm  gegenüber  einnahm;  er  kannte  die  Verhandlungen,  welche  dieser  durch
Metternich  mit  den  anderen  Kabinetten  geführt  hatte,  und  er  machte  aus  seiner
Erbitterung  über  dieses  Verfahren  seines  Schwiegervaters  und  Metternichs  kein
Oehl.  Es  ist  wohl  glaublich,  daß  er  die  Unterhaltung  in  einem  lauten  und
leidenschaftlichen  Tone  geführt,  der  den  Inhalt  derselben  zum  größten  Teile  den
antichambrierenden  Hofleuten  verriet,  daß  er  dabei,  seinen  Hut  zu  Boden  werfend,
  in  die  beleidigende  Frage  ausgebrochen:  „Ha,  Metternich,  wieviel  hat
Ihnen  England  gegeben,  um  Sie  zu  vermögen,  eine  solche  Rolle  zu  spielen?"  —
Es  entspricht  seiner  niedrigen,  den  Wert  von  Menschenleben  verachtenden  Denkweise,
  wenn  er  ausgerufen  haben  soll:  „Was  kümmern  mich  200000  Menschenleben!"
  —  worauf  Metternich  tief  entrüstet  ihn  unterbrochen  haben  will  mit
den  Worten:  „Lassen  Sie  uns  Thüren  und  Fenster  öffnen,  Sire,  damit  ganz
Europa  Sie  höre!l“  —  —  Im  Vorzimmer  soll  darauf  der  weggehende  Metternich
  dem  Marschall  Berthier  auf  seine  Frage:  „Nun,  sind  Sie  mit  dem  Kaiser
zufrieden?“  geantwortet  haben:  „Ja,  ich  bin  zufrieden;  denn  Ihr  Herr  hat  mir
Klarheit  gegeben,  und  ich  schwöre  Ihnen,  er  hat  den  Verstand  verloren.“

Nach  dieser  Unterredung  war  der  Bruch  Frankreichs  mit  Osterreich  entschieden.
  Napoleon  selbst  erklärte  das  Bündnis  mit  Osterreich  in  einer  Note
(29.  Inni)  für  nicht  mehr  bestehend:  „Se.  Majestät  wollen  Ihre  Allianz  Ihren
Freunden  nicht  lästig  machen.“  Es  ist  unverständlich,  was  Napoleon  trotzdem
vermochte  —  „in  Anbetracht  der  Unzulänglichkeit  der  Zeit  zur  Unterhandlung
eines  Friedens“  —,  noch  in  eine  Verlängerung  des  Waffenstillstands  bis  zum
10.  August  zu  willigen,  wodurch  Osterreich  noch  volle  drei  Wochen  Zeit  zu