Contents : Europäischer Geschichtskalender. Siebzehnter Jahrgang. 1876. (17)

Die  ellsmaszische  Pferle.  (Juli  17.)  513

Aufgeben,  sondern  nur  „eine  stärkere  Accentuirung  der  bisherigen
Neutralität  Rumäniens  bedeute."“

Gleichzeitig  läßt  jedoch  die  rumänische  Regierung  eine  Note
in  Konstantinopel  überreichen,  worin  als  Entschädigung  für  die
Opfer,  welche  der  Krieg  an  der  Grenze  Rumänien  auferlege,  das
Recht  verlangt  wird,  mit  dem  Auslande  selbständige  Verträge  abzuschließen.
  Ferner  verlangt  die  rumänische  Regierung  die  Aufhebung
  der  Zahlung  des  Tributs,  und  die  Abtretung  der  Sulina--Mündungen
  mit  Rücksicht  auf  die  commerciellen  Interessen  Rumäniens.


17.  Juli.  Der  Entwurf  einer  Verfassung,  seit  dem  Anfang
Juni  in  Berathung,  wird  nunmehr  dem  großen  Pforteurath  vorgelegt
  und  von  diesem  vorerst  „im  Princip“  genehmigt.  Die  Debatte
darüber  goll  der  Großvezier  mit  folgender  Rede  eröffnet  haben:

it  der  Erfahrung,  die  ich  mir  durch  meinen  langen  und  aufmerksamen
  55  in  öfentlichen  Angelegenheiten  erworben  habe,  fühle  ich  mich
gedrängt,  mich  mit  Ihnen  ohne  Rückhalt  über  die  Lage  des  Reiches  zu  besprechen.
  Es  werden  beiläufig  zwanzig  Jahre  sein  —  Einige  unter  Ihnen
dürften  mir  das  bezeugen  können  —  als  Rußland  vor  uns  und  vor  dem
erstaunten  Europa  mit  feindlichen  Tendenzen  und  mit  der  Souveränetät  der
Sultane  unverträglichen  Forderungen  erschien;  damals  hallen  uns  alle  Mächte
angerathen,  mit  Bescheidenheit  vorzugehen;  sie  haben  uns  gedrängt,  uns
mit  Rußland  zu  verständigen,  ihm,  wenn  röthig,  sogar  einige  Concessionen
zu  machen;  sie  haben  uns  beschworen,  die  Relationen  nicht  zu  ver  ichlimmmern,
unser  Möglichstes  bei  den  Verhandlungen  zu  thun,  um  den  Bruch  und  den
Krieg  zu  vermeiden;  denn  wir  würden,  so  sagten  sie,  Vre  Allianz  und
ohne  jeglichen  Beistand  bleiben.  Trotzdem  sind  uns,  wie  Sie  sich  erinnern,
als  die  Pforte  Rußland  den  Krieg  erklärt  hatte,  drei  Mächte  zu  Hülfe  gekommen,
  und  eine  vierte  hatte  ihre  moralische  Antorität  für  uns  eingesetzt.
Unsere  damaligen  Staatsmänner  konnten  mit  Gewißheit  Voraussehenn  daß
die  Dinge  so  kommen  würden,  weil  das  europäische  Gleichgewicht  überhaupt
und  die  Siluation  Rußland's  insbesondere  Europa  die  Pflicht  und  auch
das  Interesse  auferlegten,  uns  zu  slützen.  Heute  sind  wir  in  einer  minder
günstigen  Lage.  Wir  wagten  bis  zum  letzten  Augenblicke  zu  hoffen,  die
Autorität  Europa's  würde  den  Ausbruch  des  Krieges  hintanhalten;  das  war
eine  eitle  Hoffnung,  denn  keine  Macht,  nicht  eine  einzige,  hat  für  uns
die  Freundschaft  und  das  Interesse  ewahrt,  das  sie  zu  anderen  Zeiten  für
uns  hatte.  Wenn  wenigstens  Eine  von  ihnen,  eine  einzige,  sich  mit  unserer
Dolitik  befreunden  hätte  wollen  oder  können!  Leider  aber  is  kein  Cabinct
in  seiner  eigenen  Politik  frei,  denn  wir  haben  uns  die  Sympathie  der
Völker  entfremdet;  seit  zwanzig  Jahren  ist  die  Türkei  alle,  FI  Zulagen
und  Verpflichtungen  untreu  geworden;  sie  hat  die  Erwartung  ihrer  Bölker,
das  Vertrauen  der  fremden  :  Holter,  die  Geduld  ihrer  Diplomaten  getäuscht.
So  sah  sie  sich  heute  aller  Hilfzmittel,  allen  finanziellen  Credits,  allen  moralischen
  Vertrauens  beraubt,  und  wir  können  angesichts  der  jetzigen  eritischen
  Verhältnisse  jett  nur  auf  uns  selber  und  auf  den  göttlichen  Beistand
zählen.  Gott  weiß  es,  mit  welcher  #  r’  t  ich  allen  Szwierifteiten  entgegentrat;
  meine  Toge  und  Nächte  habe  ich  dafür  geopfert,  es  kommt  mir

Schulthess.  Gurop.  Geschichtskalender.  XVlI.  22.  33