Die Arbeiterfrage. 643
ter Massen vorgebracht wird, welche Bezeichnung ist auch hier stark genug
zur Bezeichnung einer solchen Niederträchtigkeit? Freilich hat man auf
dem politischen Gebiete die Entdeckung gemacht, dass die Stimme, also
auch das Urtheil und der Einfluss, eines jeden Staatsgenossen gleich
viel werth sei, und hat hierauf das allgemeine Stimmrecht theils bereits
gegründet theils wenigstens vorbereitet; und es mag sein, dass wir uns
den Folgen dieses wundervollen Gedankens so lange unterwerfen müssen,
bis er seine Segnungen hinreichend fühlbar gemacht hat. Hüten wir uns
aber doch, auch auf wirthschaftlichem Gebiete eine gleiche Thorheit um sich
greifen zu lassen. Und man sollte glauben, dass der Widerstand nicht
fruchtlos sein könne. Hier liegt denn doch allzu klar vor, dass die Leistung
eines Steinschlägers oder eines Maurergesellen dem Werthe nach verschieden
ist von der des Erfinders der Dampfmaschine, des Entdeckers eines
wohlfeilen Gussstahles, oder des Kaufmanns, welcher den Absatz einer
bisher schwer verkäuflichen und somit die Arbeiter auch nicht nährenden
Waare in einem anderen Welttheil ermöglicht hat. Es mag dahin gestellt
bleiben, ob es unter den Arbeitern wirklich welche giebt, welche die
Leistungen eines Napoleon oder Wellington völlig auf gleiche Stufe setzen
mit denen des letzten Trossknechtes oder Marketenders, die eines Göthe
mit denen seines Abschreibers; allein sicher ist keiner, sei er noch 80 einfaltig
und noch so verbissen, wirklich der Ansicht, ein Krupp oder Borsig
leiste nicht mehr und sei keines höheren Lohnes werth, als ein Ablader
seiner Kohlenwagen'').
1) Nicht nur nicht verbessert sondern sogar noch verschlechtert Ist der Gedanke einer
Gleichstellung und Gleichbezahlung jeder Art von Arbeit in der Modification des Proudhon’-schen
Mutuallsmus Wenn dieser nämlich (a. zum Beispiele seine Capaeltd politigue des
elasses ouvriöres. Par., 1863, 8. 110 fg.) einen mittleren Arbeitslohn, gleich entfernt von
su kleiner und zu hoher Bezahlung, als Ausgangspuukt, nach seinem eigenen Ausdrucke als
Null des Thermometers, aufstellen nnd nun jedem einzelnen Menschen durch ein gerechtez
Urtheil seiner Mitmenschen einen seinen Individuellen Leistungen entzprechenden Lohn, (nach
Umständen die Hälfte, oder das Doppelte, Dreifache des Normalsatzes,) zuerkennen lassen
will; so liegen doch selbst für den mässigsten Scharfsion Einwendungen In Monge vor.
Mit weichem Rechte soll denn, um nur einige nnbeantwortbare Fragen auszuheben, gerade
der Werth einer mässigen Tagesarbeit des gewöhnlichen und mit den eben ausreichenden
Lebensnothwendigkeliten zufriedenen Ilandarbeiters der Normalsatz für alle mensehliehe
Thätigkeit sein, und heisst diess nicht die Fähigkeiten nnd Leistungen, Ja die ganze Bestimmung
des Menschen auf eine wahrbaft barbarische Weise unterschätzen und herabdrücken?
Weiche Art von Maasstab soll angewendet werden zu einer rechtlich verpflichtenden Vergleichung
und Einschätsung ganz verschiedener Arten von Thätigkelten? Wer soll den
Ausspruch über den relativen Wertl der Leistungen der Einzelnen thun? So viel aus dom
unklaren Wortgeklingel abgenommen werden kann, scheint eine durch allgemeines Stimmrecht
zusammengebrachte Versammlung dazu bestimmt zu sein; wer garantirt dann aber gegen
Unkenntniss und Rohheit, gegen Ne.d, gegen persönliche Unbilligkeit und Abneigung derselben?
Wie werden Diejenigen, weiche um den ihnen zugebilligten Preis nicht arbeiten
wollen, dazu angehalten, und Ist ein Zwang zu geistiger Arbeit (ohne welche denn doch
selbst eine solche halbwilde Gesellschaft nicht bestehen kann) überhaupt denkbar? Und wie
soll es auf der anderen Belte werden, wenn der die Arbeit Verlangende nicht den Taxwerth
geben will? Wo bleibt auch nur eine Bpur von Freiheit unter einem solchen aus alilgemeinem
Stimmrechte hervorgegangenen souveränen Gerichtshof über alle menschliche Thätigkeit ?