192 Buch III. Kap. 5.
erschienene dramatische Familiengemälde „Nicht mehr als
sechs Schüsseln“ von Großmann. Der Hofrath Reinhard,
welcher darin eine Frau von Adel geheiratet, muß
dieselbe „Ihr Gnaden“ tituliren, wenigstens in Gesellschaft,
und sich von seiner Frau und ihrer Tante wegen
seiner „bürgerlichen Grossièreté“ bei jeder Gelegenheit
zurechtsetzen lassen. Er rächt sich dafür, indem er von
„adeligem Lumpengesindel“ spricht. Frau von Schmerling,
die Tante, stellt in ihrer ganzen Erscheinung und
Ausdrucksweise ein Produkt jener Bildung d. h. Mißbildung
dar, wie sie die gewöhnliche französische Bonnenerziehung
in adeligen Häusern an den Töchtern zuwegebrachte.
Diese Dame spricht am liebsten in französischen
Floskeln, mischt aber beharrlich darunter so gemeine und
derbe deutsche Ausdrücke, wie sie heutzutage sogar im Munde
einer Stallmagd auffällig wären. In Nikolai's „Sebaldus
Nothanker“ (1773) erhalten wir deutliche Winke,
worin eine „standesmäßige“ Erziehung damals nur allzu
häufig bestand. Die ehrliche Gouvernante Marianne
verliert da die Gunst ihrer Gebieterin, der Frau von
Hohenauf, weil sie es nicht versteht, ihren Zöglingen
„standesmäßige Manieren“ beizubringen und dieselben
aus dem „Mercure de France“ zu belehren, „wie eine
alfaire de coeur geführt werden müsse“. Sehr bezeichnend
für die damalige Durchschnittskultur dieser Gesellschaftsschichte
ist es endlich, daß man in den meisten
adeligen Häusern und in Nachahmung derselben auch in
reichen bürgerlichen keine Diener und Dienerinnen kannte
und nannte, sondern nur „Kerle“ und „Menscher“.