Jugendfürsorge. 3
dem gärenden Most der Meinungen ein köstlicher reiner Wein glücklicher
Erfolge für die künftige Entwickelung unseres deutschen Volkes
hervorgehen wird.
Ist denn nun aber die Forderung der Gewerbetreibenden, auch die
theoretische Ausbildung der ihnen anvertrauten Jünglinge gehöre ihnen,
so gänzlich unberechtigt? Gewiß nicht, wenn die Gewerbeschulen gleichzeitig
die höheren Forderungen erfüllen, daß sie nicht nur das Fach
pflegen, sondern auch die in der Volksschule gewonnenen allgemeinen
Kenntnisse vertiefen und erweitern und Gemüt und Seele der jungen
Leute in ihre sorgende Obhut nehmen. Sind sie gewillt, dem Staat in
dieser Richtung zu folgen, so ist er auch gern bereit, auf die besonderen
Wünsche der Gewerbetreibenden einzugehen, zumal, wiespäternoch eingehend
behandelt werden soll, die Nachteile der allgemeinen Pflichtfortbildungsschulen,
in denen vielfach eine Trennung der einzelnen Gewerbe
aus praktischen Gründen nicht möglich ist, ganz unleugbar sind.
Was aber für das Handwerk zutrifft, gilt in noch viel höherem Maße
für industrielle Werke, für Fabriken, Werften, Hütten- und Bergwerke
und alle die vielen Tausende von Betrieben, die gelernte und ungelernte
Arbeiter beschäftigen. Für sie entwickelt sich mit immer zwingenderer
Gewalt die Notwendigkeit, sich einen Stamm treuer und tüchtiger
Arbeiter heranzuziehen, der sein Fach versteht und auch in Sturm
und Not sein Werk nicht fahnenflüchtig verläßt. Nicht mehr sollen die
Fabrikleitungen in ihren Arbeitern lediglich Maschinen sehen, deren
Leistungen man ja bezahlt, womit man aller Verpflichtungen los und
ledig ist; sondern Menschen, für deren körperliches und geistiges Wohl
man als der wirtschaftlich Stärkere zu sorgen hat. Daß diese Fürsorge
gute Früchte trägt, ist eine längst erwiesene Erfahrung. Von vereinzelten
Fällen offenkundiger Undankbarkeit kann man billig absehen, denn unter
vielen Hunderttausenden werden immer eine Anzahl sein, die schlechterdings
nicht zu wirklichen Menschen im hohen Sinne des Wortes zu bilden
sind.
So haben denn unsere großen Werke in Verfolgung dieser guten
und förderlichen Gedanken durch Schaffung gesunder Arbeits- und Wohnstätten,durch
Altersversorgungsheime, durch Gründung vonBibliotheken,
durch Anlegung geeigneter Wasch- und Speiseräume, durch Pflanzung
von Fabrik- und Arbeitergärten, durch Sparkassen- und Wohltätigkeitsvereine
aller Art bereits sehr viel getan, um sich die spröde Seele des
Volkes zu erringen; nur auf dem sozialen Gebiete der Jugendfürsorge
steht man noch in den Anfängen und überläßt dem Staate die Arbeit.
Die Regierungen haben demzufolge weitblickende Maßnahmen ergriffen.
Ich verweise hier nur auf den Verwaltungsbericht des Königl.
Preuß. Landesgewerbeamts 1907, in welchem sehr eingehend dargestellt
]*