„Persoͤnliche Herzenserleichterung"“ Bismarcks über Oubril. 325
uns ausstreut, und von dem ich nicht einmal die Überzeugung habe, daß er gegen Benedetti
dicht hält. Er gehörte von Rechts wegen nach Wien und Stackelberg hierher, obschon ich
einen Preußenfeind wie Oubril auch nicht gern in Wien wüßte. Er ist bezüglich unserer
das Unterfutter für Budberg, nur ist letzterer klüger und vornehmer an Manieren. Betrachten
Sie dieses einstweilen mehr als eine persönliche Herzenserleichterung von mir, und
beobachten Sie, ob überhaupt Aussicht auf Wechsel ist, bevor Sie irgendeine Andeutung
hinwerfen. Vom Großfürsten und seinem Gefolge habe ich nichts als eine flüchtige Begrüßung
beim Ersteigen einer Treppe gehabt und die Ehre einer Visitenkarte ¹. — Das
Zusammenhalten mit Rußland behandeln Sie als eine politische Naturnotwendigkeit, an
der persönliche Intrigen und Willkürlichkkeiten gar nichts ändern können. Der König wird
ungern etwas unterschreiben, und ist das auch durchaus nicht nötig, aber er ist in der prinzipiellen
Auffassung der Sache ebenso fest und klar wie ich. Beide Kabinette würden wie
die Narren handeln, wenn sie auf dem brüchigen Eise der Situation eins die Hand des
andern fahren lassen wollten, um ihr Heil auf die Lügen von Paris oder Wien zu bauen.
Die Glaubwürdigkeit der Personen fehlt an beiden Orten, und die Identität der Interessen
oder vielmehr die Kompatibilität der Interessen ist nicht vorhanden, um über diese persönlichen
Interessen hinwegzuhelfen. Sie könnte sein, aber sie ist nicht.
*1111. Erlaß an den Gesandten in Petersburg
Heinrich VII. Prinzen Reuß.
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.]
Zur Feier des Geburtstages König Wilhelms I. (22. März) war u. a. der russische Thronfolger
in Berlin eingetroffen. Bismarck sah seinen Wunsch nach einer Audienz bei dem nachmaligen
Kaiser Alexander III. durch ein eigentümliches Verhalten Oubrils vereitelt.
Ganz vertraulich. Berlin, den 23. März 1868.
In meinem Erlasse Nr. 114 ¹ habe ich mich gedrungen gefühlt auszusprechen, daß die
persönliche Haltung des Herrn von Oubril mir nicht das volle Vertrauen einflöße, welches
mir gegenüber dem Vertreter Rußlands Bedürfnis ist, und daß ich nicht umhin könne, die
allgemeine Stimmung zu teilen, welche ihn einer übelwollenden Unaufrichtigkeit gegen uns
anklagt ². Hat man einmal Veranlassung, an eine solche Gesinnung zu glauben, so wird man
auch über Umstände mißtrauisch, welche man sonst als Zufälligkeiten ansehen würde.
In diesem Sinn erwähne ich eines Incidenzpunkts, den Ew. pp. aus der anliegenden
Abschrift zweier Billette des Herrn von Oubril ³ ersehen werden, und durch den mir die
Möglichkeit, von Seiner Kaiserlichen Hoheit dem Großfürsten-Thronfolger bei seiner diesmaligen
Anwesenheit eine Audienz zu erhalten, entgangen ist.
Auf meine Bitte, mir eine Audienz zu erwirken, bezeichnete Herr von Oubril die
Stunde um halb eins am Sonntag mittag, obwohl er aus zehnjähriger Erfahrung wissen
----------------------------- 1 Vgl. dazu das folgende Schriftftück.
1111. 1 Siehe Nr. 1109.
2 Der Relativsatz eigenhändiger Zusatz Bismarcks.
3 Hier nicht abgedruckt, da inhaltlich ausreichend charakterisiert.