340 Land und Natur.
Wir ziehen jetzt vom Hohenstaufenberg über Göppingen südwärts
hinüber zur Schwäbischen Alb, an welcher der Staufen, als ein weit
ins gehügelte Land vorgeschobener Posten Wache hält, fern hinschauend
bis an die Vogesen und bis an die freilich nur an den seltensten Tagen,
gleichwie ein Traumbild, aufschimmernden Schneespitzen der Alpen. — Wir
ziehen hinüber zum Steilrande der Alb und hinein in ihre so tief in das
Herz des Kalkgebirges eindringenden, von Felsenkränzen begleiteten Thäler.
„Erhabene Berge mit den herrlichsten Aussichten, ungeheure Felsenmassen,
abgerissene schroffe Wände, schauerliche Wildnisse, rauschende Wasserfälle,
finstere Höhlen und Felsenschluchten, wilde Ruinen und reizende fruchtbare
Thäler findet man hier im pittoreskesten Gemische,“ sagt Schübler in
seinem „Ausflug auf die Alb im Sommer 1810“, — und wahrlich, un-
erschöpflich ist hier die Mannigfaltigkeit der großen landschaftlichen Ein-
drücke, so daß ein Dichter, wie Gustav Schwab, ein ganzes prächtiges
Buch nur über die Nordtraufe des Gebirges geschrieben hat. Hören wir
ihn, wie er davor sich ausruht im Abendlichte: „Die dunkle Farbe des Ge-
birgs wird in ein durchsichtiges Blau verklärt, über das der Sonnenschein
eine leichte Röthe gießt, in der bald mehr Wechsel der Formen hervor-
tritt, als das Auge früher geahnet. Sie hält uns die reichen Buchen-
wälder, von welchen diese Berge bis zu ihren obersten Höhen umkleidet
sind, schimmernd entgegen, zeigt dem Blicke den Anfang mannigfaltiger
Thäler, die sich zwischen den mehr und mehr vom ganzen Bergeszug ab-
gelösten Massen eröffnen, bescheint, wo die Vorhügel einen Durchblick ge-
währen, die schmucken Städte und Dörfer, die üppigen Obstwälder, die
sich am Fuß der Alb hin und in die Thäler bergein ziehen, beglänzt die
Kalkfelsen, mit welchen die Höhen übersäet sind, und vergoldet die wenigen
Gipfel des Gebirges, auf welchen sie uns vorher unbemerkte Schlösser
und Burgen zeigt. Und wenn dem Betrachtenden hier und dort ein Bauer,
auf die goldnen Bergspitzen deutend, die Namen Hohenzollern, Achalm,
Urach, Neufen, Teck, Hohenstaufen, Rechberg, Rosenstein zu nennen weiß,
so mag seine Phantasie wohl noch ein zweites Leben aus der Vergangen-
heit über diese Bergkette heraufbeschwören.“
Oder hören wir Hölderlin, wie er nach seiner Rückkehr in die Hei-
mat das ihm so liebe Gebirge begeistert grüßt:
Ihr milden Lüfte, Boten Italiens,
Und du mit deinen Pappeln, geliebter Strom,
Ihr wogenden Gebirg', o all' ihr
Sonnigen Gipfel, so seid ihr's wieder!
Wir wandern und schwelgen von Berg zu Berg, von Thal zu Thal;
am schönsten ist es oben auf den duftenden Bergheiden. Da mögen wir
Rast halten unter uralter Waidbuche, umher die kahlen zerlöcherten Fels-