Full text: Das Königreich Württemberg. Erster Band. (1)

Flora. 475 
So bleibt nur die unterste Klasse, die der Pilze, übrig, Lieblingskost einer 
Menge von Käfer- und Mückenlarven, der Schnecken, der romanischen und mehr 
noch der slavischen Völkerstämme; der germanische hat aber keinen Sinn für dieselben. 
Secretan gibt in seiner Mycographie suisse ein Verzeichnis von 110 eßbaren Pilzen, 
wovon die meisten in Württemberg, zum Theil häufig, vorkommen, allein unsere 
Landleute essen fast gar keine, auch in den Städten sieht man nur ein paar zuweilen 
auf dem Markte; in Stuttgart brachte eine Bauernfrau 1854 und 1855 den Pfif- 
ferling, Cantharellus cibarius, zu Markt, hatte aber geringen Absatz. 
Morcheln, Morchella esculenta und conica, werden bei Hall und Wild- 
bad, in den Oberämtern Balingen und Tuttlingen, beim Hohentwiel und wohl 
auch anderwärts zum Küchengebrauch oder Verkauf gesammelt und zum Theil ge- 
trocknet versendet. Die berühmten Trüffeln, Tuber „eibarium“, sind nur sehr 
vereinzelt bei Ulm, Göppingen, Calw, Mergentheim, auf dem Stromberg und auf der 
Alb bei Hausen a.'Thann, Donnstetten und Schopfloch gefunden worden; die Pflanze 
von letzteren zwei Standorten ist Tuber aestivum Fett. Die weiße Trüffel, Tuber 
album HBezl,, jung eßbar, wurde auch schon bei uns gefunden. Der Pfifferling, 
sowie der beliebte Champignon, Agarieus campestris, ein Stachelpilz, Hy= 
dnum repandum, der Ziegenbart, Clavaria coralloides, Botrytis und flava, 
und wenige andere Pilze werden hie und da von einzelnen Liebhabern aufgesucht 
und verspeist. Weitere bei uns vorkommende eßbare Pilze sind der echte Reizker, 
Agaricus deliciosus, mit safrangelbem Milchsaft, der rothbraune Brätling, Aga- 
ricus volemus, mit weißem Milchsaft, der Steinpilz, Boletus edulis, und der 
in der Jugend weiße, über 20 em breit werdende Riesenbovist, Lycoperdon 
Bovista. Endlich sei noch bemerkt, daß das, wodurch die Hefe Gährung erregt, 
ein Pilzgebilde ist. 
2. Arzueigewächse. 
Für die Apotheken werden die wilden Heilpflanzen den gebauten 
vorgezogen und sind daher immer noch von großer Bedeutung, wenn gleich 
die Fortschritte der Wissenschaft den größeren Theil der ehemals ange- 
wandten beseitigt haben, wie z. B. von den 28 Pflanzen unserer Flora, 
welche den Beinamen offlicinalis (ofücinarum) führen, nur noch 7 wilde 
officinell sind. 
Die neue Pharmacopoea germanica vom Jahr 1872 hat diesen 
Fortschritten entsprechend die Zahl der Arzneigewächse, die im Lande wild- 
wachsend oder verwildert eingesammelt werden können, auf folgende etliche 
und 70 beschränkt. 
Anemone Pulsatilla E., Küchenschellenkraut, selten unter 650 m herabsteigend. 
Helleborus viridis L., Grüne Nieswurz. Papaver Rhoeas, T1., Klatschrosen, Acker- 
schnallen, auch zum Färben des Essigs in Menge verwendet, obwohl sich die Blumen- 
blätter der dunkelrothen Herbstrose, Althaea rosea Cav., besser dazu eignen. Cheli- 
donium majus E., Schöllkraut. Sinapis nigra IE., Schwarzer Senf, in Menge im 
Neckarkies von Tübingen bis Heilbronn, so daß an einigen Orten die Neckarinseln 
auf ihren Senfertrag gepachtet werden; der Ertrag der Neckarbänke und Inseln auf 
der Markung von Neckarthailfingen lieferte schon in einem Jahr 80 fl. Pachtgeld. 
Cochlearia officinalis I., Löffelkraut. Viola tricolor I., Dreifaltigkeitskraut, Stief- 
mütterchen. Polygala amara Koch, Bitteres Kreuzblumenkraut, vorzüglich im