Einleitung.
Die Geschichte der großen Volkskrankheiten ist nicht nur für den
Arzt, sondern auch für den Historiker und den Volkswirt von aller-
größtem Interesse.
Nicht nur in dem Leben des Einzelnen und der Familie spielen
übertragbare Krankheiten eine wichtige Rolle, werden entscheidend
für die Berufswahl und die ganze Zukunft des Heranwachsenden oder
untergraben die wirtschaftliche Existenz der Familie. Auch politische
Ereignisse, ja die Geschichte ganzer Völker sind viel häufiger, als wir
es in den Geschichtsbüchern zu lesen gewohnt sind, durch Seuchen-
ausbrüche beeinflußt worden.
Das gilt namentlich von den sogenannten „gemeingefähr-
lichen“ Krankheiten, welche die Neigung haben, große Wanderzüge
anzutreten und zuweilen wie ein verheerender Sturm über die Völker
und Erdteile dahinzuziehen, Tod und Elend hinter sich zurücklassend.
Die „attische Seuche“ von 430—425 v. Chr. entschied den
Peloponnesischen Krieg und warf die Athenische Hegemonie zu Boden.
— Die Blattern vernichteten 395 v. Chr. das Karthagische Heer
unter Himilko vor Syrakus und zerbrachen 1525 das mexikanische
Aztekenreich unter Montezuma. Die Pest überzog im Mittelalter und
bis in die neueste Zeit hinein in zahlreichen Epidemien die ganze Erde
und raffte 1348 als „schwarzer Tod“ mehr als 20 Millionen Menschen
dahin. Das Fleckfieber spielte während zahlreicher Feldzüge, so
als „Pest von Neapel“ 1525, als Kriegs- und Lagertyphus 1813 — 15
und während des Krimkrieges eine verhängnisvolle Rolle. Und wer
möchte ausdenken, wie viel Unheil die mehr chronisch verlaufenden
Seuchen, wie Aussatz und Syphilis, nicht zu gedenken der
Tuberkulose, dem Einzelnen und den Völkern gebracht haben!
Demgegenüber muß man sich wundern, daß sich die Gesetzgebung
erst so spät mit der Verhütung und Bekämpfung der übertragbaren
Krankheiten beschäftigt hat. In den alten Medizinaledikten, von dem
ersten und bedeutendsten an, welches Kaiser Friedrich II. in Neapel
erließ, bis in die neuere Zeit, finden sich über die Seuchenbekämpfung