Session 1874/75. 113
Hurtig mit Benergepolter.
In früheren Fällen war der Stuck außerhalb der Sitzungszeit
im Reichstagssaale heruntergekommen. Der stenographische Bericht
über die Sitzung vom 27. Januar 1875 berichtet aber inmitten der
Rede des Abg. Albrecht (Danzig) zum Bankgesetz Folgendes:
„Ein Stück der Verzierung der Decke des Saales fällt mit
lautem Gepolter auf das Tischchen eines der Mitglieder herab.
Allgemeiner Aufstand und andauernde Unruhe".
Der Redner setzte seinen Vortrag fort. Der Berichterstatter
der Bankkommission Abg. Bamberger aber bemerkte demnächst:
„Meine Herren! Sie werden wahrscheinlich nicht wünschen, bei
dem Gefühl von Unsicherheit, welches sich Ihrer gegenwärtig
bemächtigt hat, daß ich Sie länger hier aufhalte, und ich fühle mich
umsoweniger berechtigt, Ihren Aufenthalt hier zu verlängern, als
ich ja geschützt bin, Sie aber nicht.“ (Heiterkeit.)
Der Präsident bemerkte, er habe Befehl gegeben, die Sache
nach Schluß der Sitzung zu untersuchen. Im Augenblick scheine
eine Gefahr in keiner Art mehr vorzuliegen.
Bei Beginn der folgenden Sitzung berichtete Präsident von
Forckenbeck, daß schon am 5. Mai 1874 die Erbauer Gropius
und Schmieden ihn brieflich darauf aufmerksam gemacht haben, daß
vleicht körperliche Beschädigungen von Menschen herbeigeführt werden
können“", wenn durch die Hitze in den oberen Räumen des Saales
die Verbindung zwischen den Holzteilen und den an dieselben mittelst
Schrauben befestigten Stuckornamenten sich allmählich lockert. Es
sei bisher nur ein Teil dieser Ornamente an der Decke durch Steinpappe
ersetzt worden. Dieser Anregung sei auch schon im Laufe
des Sommers vollständig Folge gegeben. Auch sei nach dem gestrigen
Vorfall das Gesims überall untersucht und sind etwa lose Teile
desselben entfernt worden. Der Vorstand ersuchte deshalb die Sitzung
fortzusetzen und gleichzeitig den Gedanken eines definitiven
Reichstagsgebäudes wiederum anzuregen, „da die Sicherheit des
Saales bei dem provisorischen Bau doch immer eine prekäre bleibt".
Am 30. Januar wurde die Session geschlossen.
Frhr. v. Hoverbeck.
Es war die letzte Session gewesen, an der Frhr. v. Hoverbeck
teilgenommen. Er starb plötzlich am 12. August 1875 auf einer Reise
in der Schweiz. In ihm vorlor die Fortschrittspartei einen Führer,
wie sie ihn vorher und nachher nicht besessen. Mit Ausnahme des
Abg. Windthorst (Meppen) ist auch in keiner anderen Partei des Reichstages
ein Führer hervorgetreten, der ihm verglichen werden könnte.
« 8